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Die Steine liegen lassen
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Unrecht, das einem zugefügt wurde, zu vergeben, bedeutet auf seine Rache zu verzichten.
Ein Mensch, der Gott vertraut wird erkennen, dass Gott alleine zuständig ist für Gerechtigkeit und Vergeltung. Wer ernsthaft zur Vergebung bereit ist, der wird auch auf andere Dinge verzichten müssen.
Eine Frau wurde von ihrem Mann betrogen. Es kam zu harten Auseinandersetzungen. Es wurden viele Tränen vergossen geweint von beiden. Die Frau weinte aus Wut über den Betrug, der Mann aus Scham. Nach Monaten überwand sie den Schmerz und war bereit, neu anzufangen. Ihre Ehe schien gerettet. Aber noch nach Jahren steigt die bittere Erfahrung bei den kleinsten Anlässen wieder in ihr hoch und vergiftet ihre Beziehung aufs Neue. Und sie spricht es aus und macht ihm die gleichen Vorhaltungen wie damals. Die Frau will vergeben, aber sie kann das, was war, nicht vergessen. In solchen Momenten gibt es ihr immer wieder einen Stich, wenn ihr Mann sagt: Du hast mir eben nicht wirklich vergeben. denn sie hat es doch ehrlich gemeint, als sie ihm sagte: Ich verzeihe dir!
Was läuft da falsch? Beide haben doch eingesehen, dass man das, was einmal geschehen ist, nicht ungeschehen machen kann. Hinter den Ehebruch zurückzugehen ist nicht möglich. Schuld bekennen und sie vergeben, das heißt nichts anderes als gemeinsam den Weg mit der Schuld, die vergeben wurde, zu gehen. Das ist nur möglich, wenn über alles miteinander gesprochen worden ist. Vielleicht darüber hinaus auch mit einem Menschen, dem man vertraute, einem Seelsorger oder einem Eheberater. Viele finden sich auf diesem Weg überhaupt erst bereit zu vergeben. Wenn das alles so gekommen ist und das erlösende Ich vergebe dir und will weiter mit dir gehen! gesagt wurde, dann muss ich endgültig auch darauf verzichten, über die Sache immer wieder von neuem zu sprechen. Wer das nicht einhalten kann, der ist vielleicht wirklich noch nicht so weit, vorbehaltlos vergeben zu können.
Ihm geht es wohl so, wie der Frau in jener russischen Erzählung, die mit ihrem Leben nicht recht fertig wurde. Vielleicht litt sie ja unter der bitteren Erfahrung der Untreue ihres Mannes. Sie kam mit ihrer Not zu einem russischen Einsiedler: Ich weiß nicht, warum es nicht mehr so ist wie früher, ich komme mit meinem Leben nicht zurecht. Ich möchte so gerne verstehen, warum alles so gekommen ist. Ich versuche es doch, alles recht zu machen. Warum bin ich immer so unglücklich? Der alte Mann gab ihr einen Sack in die Hand, ging mit hinter die Hütte und forderte sie auf, doch hier die vielen kleinen Steine zusammenzulesen und sie zu ihm zu bringen. Nach einer Weile kam sie zurück und brachte ihm den gefüllten Sack. Wie der Einsiedler sie so vor sich stehen sah, meinte er: Und jetzt geh wieder hinter die Hütte und bring die Steine alle wieder an ihren Platz, genau dorthin, von wo du sie genommen hast. Nach einer Weile kam sie zurück und rief: Aber Väterchen, das ist ja ganz unmöglich! Wie soll ich wissen, wo alle die vielen kleinen Steine hingehören!
Das Spiel mit den Steinen ist ein Bild dafür, dass immer wieder das, was geschehen ist von neuem aufgehoben wird, wie die Steinchen; und dabei kommt eine Menge zusammen, an neuen und alten Vorwürfen, an endlosen Grübeleien und es ist unmöglich sie wieder an ihren Platz zurückzulegen. Da bleiben so viele Steine zurück in dem Sack, so viele alte Vorwürfe und neue Zweifel. Und immer wieder, wenn das dann erzählt wird, auch gegenüber Unbeteiligten Weißt du, er hat mir damals wirklich ganz übel mitgespielt... aber ich habe ihm ja vergeben! dann lässt das doch darauf schließen, dass das nicht ernst gemeint war.
Vergebung aber meint: Ich will die Steine der Vergangenheit nicht immer von Neuem auflesen, ich will die Vorwürfe und die Zweifel nicht immer neu zur Sprache bringen. Ich will weitergehen, neues Vertrauen wagen. Und wenn ich doch wieder anfange, die Steine aufzuheben, dann will ich sie aber nicht lange bei mir behalten, dann gebe den ganzen Sack in meiner Hand ab. Gebe ihn weiter an den Einzigen, an Gott, der wirklich weiß, wo und wie alles gewesen ist. Er weiß, wo sie hingehören. Ich kann sie dann liegen lassen und Vergebung leben.
Die Steine liegen lassen
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