Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.04.10, Pfarrer Martin Vogt

"Der Weckruf"

„Guten Morgen!“ sagte mein Radiowecker. „Aufstehen! Die Welt verändern!“„Was?“ fragte ich, noch halb in meinen Träumen.

„Ich sagte: Guten Morgen!“ wiederholte mein Radiowecker geduldig. „Zeit, die Welt zu verändern!“
„Sag mal, war heute Nacht zu viel Öko-Strom in der Leitung? Wieso soll ich die Welt verändern? Und wieso kannst du auf einmal sprechen?“
„Um mit der letzten Frage anzufangen: Mir war danach,“ erwiderte der Radiowecker. „Ist doch’ne nette Abwechslung, oder?“
„Geht so,“ brummte ich. Um diese Uhrzeit bin ich für Abwechslungen noch nicht wach genug. „Was soll ich jetzt noch mal machen?“ fragte ich, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht verhört hatte.

„Die-Welt-ver-än-dern!“ wiederholte mein Radiowecker noch einmal - allerdings jetzt nicht mehr ganz so geduldig. „Zum Guten natürlich!“ fügte er noch hinzu.
„Und wieso ausgerechnet ich? Sind da nicht andere Leute für zuständig?“
„Wer denn zum Beispiel?“ kam es aus Richtung der Leuchtziffern. „Vielleicht die Politiker, von denen du immer behauptest, dass sie nur in die eigene Tasche wirtschaften? Oder die Leute in den Talksendungen, denen du unterstellst, dass sie nur auf die Quote schielen?“

Ich merkte, dass ich langsam ins Schwimmen geriet. Dabei war ich noch nicht mal aufgestanden. „Na ja,“ stotterte ich. „Kann sein, dass ich das mal so gesagt habe. Aber …“
„Kein aber,“ unterbrach mich mein Radiowecker streng. „Wenn du es sonst niemandem zutraust, musst du eben selbst die Ärmel hochkrempeln!“
„Eigentlich fühl’ ich mich da nicht so berufen zu …“ begann ich.
„Berufen ist genau das richtige Stichwort,“ funkte mein Radiowecker dazwischen. „Du warst doch neulich mit deinen Kindern im Kindergottesdienst.“
Keine Ahnung, woher dieses digitale Ungeheuer das wusste. Aber er fuhr unbeirrt fort: „Da hat doch die Pastorin diese Berufungsgeschichte erzählt.“
„Ja, ja. Irgendein Prophet oder so.“
„Genau. Und am Ende hat die Pastorin gesagt, dass wir alle von Gott berufen sind. Wir alle sollen Gottes Willen tun und die Welt zum Guten verändern.“
„Aber das war doch eine Botschaft für die Kinder!“ warf ich ein.
„Nö,“ sagte mein Radiowecker und machte ein kunstvolle Pause. Mir schwante nichts Gutes. „Hat die Pastorin etwa gesagt, dass die Botschaft der Bibel nur für Kinder unter zehn Jahren gilt? Und dass für die Älteren alles egal ist?“
„Nee, das hat sie nicht gesagt,“ gab ich zu.
„Eben!“ triumphierte der Wecker. „Also bist du auch gemeint! Immerhin bist du Mitglied der Kirche, warst an Heiligabend im Gottesdienst und beim Taufgespräch vor drei Jahren hast du gegenüber der Pastorin ganz selbstverständlich behauptet, du wärst ein Christ. Ich meine, du hättest sogar das Wort >>gläubig<< benutzt.“

So langsam gingen mir die Argumente aus. Dieser impertinente Wecker wusste einfach zuviel.

„Und ich finde, es ist jetzt an der Zeit, den großen Worten wenigstens kleine Taten folgen zu lassen“ fügte er hinzu.
„Ach! Und was soll ich deiner Meinung nach konkret machen?“
Diese Frage entpuppte sich als strategischer Fehler. Denn jetzt legte der Wecker erst richtig los: „Oh, das gibt’s eine ganze Menge: Du könntest deinen Nachbarn zur Abwechslung so behandeln, wie du auch von ihm behandelt werden willst. Du könntest deine kranke Schwiegermutter besuchen. Du könntest fair gehandelte Produkte aus dem Eine-Welt-Laden kaufen. Und du solltest nächstes Jahr nicht wieder den Sternsingern die Tür vor der Nase zuknallen mit der billigen Ausrede, dass du evangelisch bist und deswegen für ihre Sammlung nichts geben kannst.“

Da war es mir zu viel. Ich stand auf und zog den Stecker ’raus.
„So weit kommt’s noch, dass ich mir von einer Blechkiste sagen lasse, wie ich zu leben habe,“ dachte ich.
Stattdessen ging ich erst mal duschen. Allerdings etwas nachdenklicher als sonst.

 

Audiobeitrag "Der Weckruf"


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