Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.04.10, Pfarrer Jochen Müller

Hebamme

Autor: Vor einigen Monaten ist unser zweites Kind geboren worden. Nur wenige Monate zuvor war meine Mutter plötzlich und unerwartet an Krebs verstorben.

Leben und Sterben – Anfang und Ende – so nah zusammen. Über diese Ränder des Lebens habe ich mit unserer Hebamme, Ulla Kayser, gesprochen. Was passiert bei einer Geburt:

O-Ton: Nach einigen arbeitsreichen Stunden kommt dieses Kind in eine unendliche Weite. Alles ist neu: die Enge ist weg, die Dunkelheit ist verschwunden, die Herztöne sind nicht mehr da von der Mama – wie würde es denn wohl gerne begrüßt werden?

Autor: Gerne denke ich an die schöne Atmosphäre im Geburtshaus zurück. Ganz familiär. Ehebett. Teppichboden. Sanfte Vorhänge. Viel Ruhe. Gedämpftes Licht. Schöne Musik. Und ganz viel Zeit. Irgendwie – natürlich. Doch leider wird in unserer Gesellschaft Geburt nicht mehr als etwas ganz natürliches angesehen. Als etwas, das eigentlich zu Hause stattfinden kann – vorausgesetzt es gibt keine medizinischen Komplikationen.

O-Ton: Die Zuversicht in diese natürlichen Verläufe, wenn wir das wieder zurück gewinnen würden und Frauen darin unterstützen und Männer, mit Freude an die Geburt zu gehen – schon  mit Respekt vor der Kraft der Geburt –dann könnten wir vieles, vieles, vieles in unserer Gesellschaft positiv verändern.

Autor: Dann würde sich auch unser Blick auf das Sterben ändern.

O-Ton: Ich habe die Möglichkeit oder das Vertrauen von Menschen gehabt, dass ich sie begleiten durfte beim Abschied von dieser Welt und dabei ist mir natürlich völlig deutlich geworden: Das ist ja hier das gleiche Geschehen, wie ich es ja schon seit vielen, vielen Jahren bei Geburt erlebe.

Autor: Nämlich der Übergang von der einen in eine andere Welt. Und deshalb ist die Hebamme Ulla Kayser der Überzeugung, dass für Sterbende auch all das gut ist, was für Menschen gut ist, die gerade geboren werden.

O-Ton: … nämlich, wenn die Medizin es nicht erfordert: das häusliche Umfeld, oder aber zumindest in der Klinik einen dementsprechend gestalteten Raum, die Berührung, die Gelassenheit, es fällt mir schwer zu  sagen die Freude wie bei der Ankunft, aber eigentlich sollte es auch sein, die Freude, dass ein Mensch dieses Leben beenden darf und wohin auch immer geht – wir wissen es nicht.

Autor: Aber wir leben im Vertrauen, dass wir von Gott begleitet werden. Und des halb können wir zu einer positiven Grundhaltung zum Leben und zum Sterben finden. Wir dürfen lernen, gelassen zu werden, zu leben und zu lieben. Und andere Menschen gut zu begleiten, am Anfang und am Ende ihres Lebens.

O-Ton: Was wir aber wohl geben können, ist die Ruhe, das Aushalten, das Sitzenbleiben, das Berühren, das Schweigen, das Streicheln – das können wir geben, genau so wie bei der Geburt,– es sind die gleichen Dinge.

Autor: Geboren werden und Sterben. An den Rändern unseres Lebens ist unsere Haut besonders dünn. Da sind wir offen für die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Wenn wir die Ränder des Lebens in die Mitte unserer Gesellschaft zurück holen, dann werden wir vorsichtiger und liebevoller mit dem Leben umgehen – davon bin ich überzeugt seit der Geburt unserer Kinder und dem Sterben meiner Mama.

Audiobeitrag Hebamme


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