Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.04.10, Stefanie Schardien

Zwei Seiten

Vor drei Wochen hätte meine Nachbarin, die alte Frau Müller, uns beinahe alle abgefackelt. Sie war bei Kerzenlicht auf dem Sofa eingenickt.

Als sie aufwachte,  stand schon die Tischdecke in Flammen.

Kurz darauf ist das Umzugsunternehmen angerückt. Frau Müller muss ins Altenheim. „Seniorenresidenz“ betonte ihre Tochter, „wirklich hübsch“. Richtig freudig sah Frau Müller nicht aus, auch wenn sie immer wieder sagte: Meine Tochter hat ja recht. Ganz winzig und bekümmert stand sie im Hausflur neben ihren Möbeln. „Ich dachte, hier werde ich auch einmal sterben.“ Siebzig Jahre hatte sie hier gelebt.

Ich fand das alles so traurig. Am liebsten hätte ich mir die Tochter mal vorgeknüpft: Wie gemein, diese alte liebe Frau ins Heim abzuschieben. Von wegen: Du sollst Vater und Mutter ehren!

Nur: Wer sagt, dass die Tochter ihre Mutter nicht ehrt? Was weiß ich, aus welchen Gründen die Mutter nicht bei ihrer Tochter einziehen kann? Sie hat sich schon Sorgen gemacht. Als Kind irgendwann für seine Eltern entscheiden zu müssen,  das ist  bestimmt nicht leicht. Und ich habe vielleicht zu romantische Vorstellungen von dem Altwerden in der Familie.

Gestern habe ich Frau Müller in der Seniorenresidenz mal angerufen. So richtig nach Zuhause fühlt es sich noch nicht an, sagte sie, aber das kann ja noch werden. Und das Beste: im Unterschied zu mir würden ihre neuen Nachbarinnen auch mit ihr Rommé spielen.

Sprecherin: Alexa Christ

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