Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.04.10, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Vergebung

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es.

Das stimmt in vielen Fällen, der Schmerz über ein Unrecht, dass uns zugefügt wurde, klingt ab. Am Ende sind wir froh, dass unsere Geduld geholfen hat. Manchmal ist es wirklich gut, über erlittenes Unrecht nicht ständig aufs Neue reden zu müssen. Wunden, die heilen wollen, vertragen es nicht, wenn wir sie immer wieder auf kratzen.

Aber viele Wunden heilen auch nach langer Zeit nicht.  Gerade in den letzten Wochen erfahren wir das von Menschen, die vor vielen Jahren und Jahrzehnten als Kinder und Jugendliche  sexuell missbraucht  worden sind. Erschreckend ist vor allem, das ihnen das ausgerechnet in den geschützten Räumen der Kirchen angetan wurde. Erst heute können sie über diese schlimmen Erlebnisse sprechen. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. So viele der Täter leben schon nicht mehr, andere sind im System der Kirchen selbst in Deckung gegangen oder wurden bislang nur kirchenintern belangt, wenn überhaupt.

Jetzt kommen die Opfer und schreien nach dem Selbstverständlichsten, was es gibt: Nach Aufklärung und nach einer der Tat angemessenen Strafe für die Täter. Nach Gerechtigkeit!  Und das Bittere folgt auf dem Fuß, nämlich die bedauernde Auskunft, dass die Verbrechen meistens schon lange verjährt sind.

Ist Ihnen aber auch aufgefallen, liebe Hörerinnen und Hörer, dass mit einem Mal ein Wort in aller Munde ist, dass im öffentlichen Leben kaum mehr eine Rolle zu spielen schien: Vergebung. Ein Wort, auf das es gerade in der Kirche in besonderem Maße ankommt. Jetzt warten die Menschen  darauf, dass die Kirche ihr ureigenes Anliegen selbst ernst nimmt. Die Menschen warten auf die Bitte um Vergebung, die die Kirche an die Opfer  des sexuellen Missbrauchs richtet Und sie warten zu Recht darauf. 

Damit die Wunden der Missbrauchsopfer überhaupt anfangen können zu heilen, muss etwas geschehen, was die Heilung in Gang setzt. Darum wird die Bitte um Vergebung erwartet. Sie ist ein Weg, der zu gehen ist, ein Weg für Täter und Opfer zugleich. Vergebung lässt auf diesem Weg nicht fünfe gerade sein, sondern verlangt geradezu nach Aufklärung der Untaten, nach Einsicht und Reue und auch nach einem gerechtem Ausgleich.

Vergebung ist ein Prozess, ist ein Voranschreiten auf ein Ziel hin. An diesem Ziel angekommen, werden beide, Täter und Opfer, ganz genau wissen: Das geschehene Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden, die Zeit lässt sich für beide nicht zurückdrehen. Aber wir haben beide einen neuen guten und freien Blick für uns gewonnen. Wir können leben, heil und ohne die Last der Vergangenheit.

Mir fällt ein eindrückliches Bild dafür ein, was Vergebung bewirkt. Es ist im strengen Sinn überhaupt kein religiöses, sondern ein politisches Bild: Es ist der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt vor dem Denkmal der Opfer des Aufstandes von 1943 im Warschauer Ghetto. „Durfte Brandt knien?“  so fragte damals der Spiegel seine Leser. Es gab Leute, die waren empört. Selbstverständlich war die Zustimmung zu dieser Geste nicht.

Aber sie sprach das aus, was gesagt werden musste: Bitte vergebt uns! Die Geschichte hat gezeigt, dass einer im richtigen Moment genau das Richtige getan hat. Über Schuld konnte gesprochen werden. Es dauerte noch fast  20 Jahre, und sie waren nicht leicht und es gab Rückschläge genug in der Aussöhnung der Völker und im Friedensprozess, aber ein Neuanfang war möglich geworden.

Ich bin froh, dass das Thema „Vergebung“ offen diskutiert wird. Ich werde  in dieser Woche mit ihnen darüber nachdenken, was Vergebung ist und wie wir lernen können zu vergeben.

Audiobeitrag Vergebung


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