|
Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt.
Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt. Das hat Friedrich von Bodelschwingh gesagt. Er sagte es im Blick auf die Wanderarbeiter.
Am Ende des 19. Jahrhundert waren viele in Deutschland gezwungen als Tagelöhner umherzuziehen. Gezwungen ein Leben zu führen, das mit Wohnungslosigkeit verbunden war. Die Gesellschaft hatte damals wie heute ihre Probleme mit diesen Menschen, vor allem Männern -und hat ihnen das Leben nicht leicht gemacht. Bodelschwingh hat für einige von ihnen in der Ortschaft Bethel eine Heimat geschaffen. Seit über 140 Jahren ist Bethel ein besonderer Teil der Stadt Bielefeld in Ostwestfalen. Zu seinen Anfängen lag Bethel außerhalb des Stadtgebietes, inzwischen ist Bielefeld um Bethel herum gewachsen und schließt die Ortschaft als ganz normalen Stadtteil ins Stadtgebiet mit ein. Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer .Mein Name ist Regine Buschmann, ich bin Diakonin der Diakonischen Gemeinschaft Nazareth und lebe seit annähernd 25 Jahren in Bethel. Ich lade Sie ein, mich auf einem Spaziergang durch unsere Ortschaft zu begleiten.
Atmo Vogelgezwitscher
Wir starten am alten Pförtnerhäuschen. Früher leuchtete im Fenster 24 Stunden lang eine Kerze. Auch noch lange nach Friedrich v. Bodelschwinghs Tod sollte sie Hilfesuchenden ein Zeichnen der Hoffnung geben. Niemand sollte abgewiesen werden. Die Zeiten waren schwer um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert. Nicht nur Wanderarbeiter suchten Anstellung als Tagelöhner um sich das magere tägliche Brot zu verdienen. Eltern kranker und behinderter Kinder brauchten medizinische Unterstützung. Für im Verhalten schwierige Jugendliche mussten Erziehungsplätze gefunden werden. Und manchmal suchten Auswandererfamilien einfach ein neues Zuhause für Familienangehörige, die sie nicht mitnehmen wollten oder konnten.
Für all diese Menschen in ihren großen und kleinen Nöten galt Friedrich v. Bodelschwinghs Grundsatz: es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt. Egal wie krank, wie eingeschränkt, wie hilfebedürftig, behindert oder verhaltensauffällig, für Gott sind alle Menschen in gleicher Weise seiner Liebe würdig. Diesen Grundsatz hat Bodelschwingh in Bethel verwirklicht. Er hat einen Ort geschaffen in dem behinderte und nicht behinderte, hilfebedürftige und zur Hilfeleistung fähige Menschen, Patienten, Patientinnen und Mitarbeitende miteinander leben. Hier bringen sie ihre Gaben und Talente nach besten Möglichkeiten zum Wohl der Gemeinschaft ein.
Bodelschwingh fand Lösungen für menschliche Probleme dort, wo das öffentliche Hilfesystem noch nicht funktionierte. Of ganz unkonventionell und bestimmt nicht immer in Übereinstimmung mit seinem Vorstand hat er sich um die Not des Einzelnen gekümmert. Er hat die Gesellschaft in die Pflicht genommen sich um die Schwächeren zu kümmern, hier ihre Verantwortung wahr zu nehmen.
So ist in über 140 Jahren die größte Diakonische Einrichtung Europas entstanden, die es ohne die starke Vision ihres großen Leiters nicht geben würde.
Natürlich funktioniert das mit der Kerze im Pförtnerhäuschen heute nicht mehr so. In dem kleinen Gebäude am Eingang in die Betheltäler ist heute die Forschungsstelle Diakonie der kirchlichen Hochschule untergebracht.
Die Pforte befindet sich im großen Verwaltungsgebäude dahinter. Sie ist immer noch 24 Stunden am Tag besetzt. Die modernen Systeme des sozialen Netzes in Deutschland haben heute jedoch ihre offiziellen Wege, um hilfebedürftige Menschen in die Betheler Einrichtungen zu bringen.
Im vierten Stock der Hauptverwaltung ist das Büro des Vorstandsvorsitzenden Pastor Ulrich Pohl. Ein wunderbar weiter Blick geht über das Kantensiektal mit dem großen Krankenhaus Gilead. Was ist von den Grundsätzen Bodelschwinghs geblieben, Herr Pohl?
O-Ton Pohl: Also zunächst mal, dass wir im christlichen Glauben verwurzelt sind, ganz stark an der Not der Menschen orientiert. Und ich fand immer sehr beeindruckend, dass Bodelschwingh die gesellschaftlichen Entwicklungen ganz aufmerksam beobachtet hat und dann sehr innovativ darauf reagiert hat zum Wohl der betroffenen Menschen.
In diesem Geist Bodelschwinghs ergeben sich ja auch immer wieder neue Arbeitsfelder für Bethel. Wenn ich in den letzten Jahren schaue die Reaktion auf die Neue Armut und Umgang mit Wohnungslosigkeit, Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen oder die Hospizbewegung, die in Bethel inzwischen ne große Rolle spielt. Aber eben auch weiterhin die weltweiten Kontakte nach Tansania und nach Ost- und Mitteleuropa. Das ist uns ähnlich wichtig wie damals Bodelschwingh die Aufmerksamkeit für die Nöte in der Welt wichtig war.
Musik 1: Interpret: Yiruma - Titel: River flows in you - CD First Love Steil führt nun die Straße weiter den Berg des Teutoburger Waldes hinauf. Für körperlich behinderte Menschen oder Rollstuhlfahrer ist die bergige Lage der Ortschaft schon eine große Herausforderung. Bodelschwingh hat die Ortschaft so angelegt, dass in den Tal-Lagen die Werkstätten für Menschen mit Behinderung angesiedelt sind. Das macht es heute für die vielen in Bielefelder Stadtteilen ambulant betreuten Menschen mit Behinderung leichter, ihren Arbeitsplatz in einer Werkstatt zu erreichen.
Die Brockensammlung Bethel bietet solche Arbeitsplätze. Über dem Eingang zur Spendenannahme steht ein Satz aus der Bergpredigt: Sammelt die übrigen Brocken, auf dass nichts umkomme. Schon zu Bodelschwinghs Zeiten hatte ein Patient in Bethel die Idee, eine Sammelstelle für gebrauchte Kleidung und Haushaltsgegenstände einzurichten. Bis heute sammeln über 5.000 Kirchengemeinden in Deutschland Kleidung für die Brockensammlung. Schon längst werden hier nicht mehr nur Bewohner und Bewohnerinnen Bethels eingekleidet. Viele Menschen aus Bielefeld suchen nach günstiger Kleidung und Hausrat. Sie sind auf die günstigen Preise dieses ersten Second Hand Ladens angewiesen.
Atmo Türklingel. Öffnen einer Tür
Angelika Schneider arbeitet seit vielen Jahren in der Brosa, wie die Brockensammlung in Bethel genannt wird. Die zierliche, blonde Frau gehört zu den Menschen mit einem buchstäblich sonnigen Gemüt. In all den Jahren, die ich sie kenne habe ich sie trotz aller gesundheitlichen Probleme und Einschränkungen mit denen sie leben muss, nie mit schlechter Laune erlebt. Fröhlich und freundlich geht sie auf alle Menschen zu und hat von daher in der Spendenannahme der Brosa einen richtig guten Arbeitsplatz gefunden.
O-Ton (CD menschlich.bethel, mein Tagebuch, Behindertenhilfe): Also es gibt wirklich ganz interessante Sachen hier. Es ist sogar
..ja, ich hab mal Schmuck, schön, hochwertig haben wir hier gefunden. Also es sind wunderschöne Sachen dabei und ich bin immer ganz stolz auf diese Sachen, die da ausgepackt werden.
Für Angelika Schneider ist die Arbeit in der Brockensammlung wichtig. Sie gibt ihr eine Tagesstruktur, das Gefühl gebraucht zu werden und zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen.
Ein paar Wegbiegungen weiter den Berg hinauf. Auf der Mitte des Anstiegs hat Bodelschwingh die Wohn- und Pflegehäuser für behinderte Menschen gebaut. Die meisten Gebäude in Bethel tragen biblische Namen. So ist in der Nähe des Hauses Enon, welches Quellort bedeutet, die Betheler Trinkwasserquelle. Oder eines der Krankenhäuser bekam den Namen Mara bitteres Wasser. Vermutlich ist die oft bittere Medizin der Bezugspunkt für den Namen. Die christliche, diakonische Grundhaltung der Einrichtung sollte jedenfalls in der Namensgebung deutlich werden. Der Name Beth-el kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Haus Gottes. In diesem sollten die von Gott geliebten Menschen leben können.
Auf dem Weg komme ich am Assapheum, der Betheler Stadthalle vorbei. Man erzählt sich, dass Bodelschwingh das Gebäude mit einem Flachdach versehen hat um den Engeln am Jüngsten Tag die Landung zu erleichtern. Er hat in der klaren Erwartung gelebt, dass der Jüngste Tag und damit die Wiederkehr Christi zu seinen Lebzeiten geschehen würde. Und darauf wollte er vorbereitet sein.
Musik 2: Interpret: Yiruma - Titel: River flows in you - CD First Love
Knarzend öffnet sich die Tür des Hauses Nebo: Es ist eines der alten Häuser Bethels, die noch zu Bodelschwinghs Zeiten gebaut wurden. Damals mit großen Schlafsälen, guter allgemeiner Versorgung aber wenig therapeutischer Betreuung. Heute mit Einzel- und Doppelzimmern in kleinen Wohngruppen ist dem Haus von innen sein Alter nicht anzusehen. Eine Wohngruppe für Menschen mit Autismus gibt es in Nebo. Hier treffe ich Marco. Der junge Mann lebt in einer sehr ausschließlich auf sich bezogenen, stark strukturierten Welt. Mit Chaos, Unruhe und Unordnung können die meisten Autisten nicht leben. An Marcos Tür hängt ein Tagesplan mit kleinen Bildern für Aufgaben und Tätigkeiten. Durcheinander bringen darf man ihn nicht, sonst kommt Marcos ganze Lebensstruktur durcheinander und das macht ihn unruhig und aggressiv. Jeden Tag steckt er den Plan neu mit seinem Betreuer und dann arbeitet er ihn sorgfältig der Reihe nach ab.
O-Ton (CD menschlich.bethel, mein Tagebuch, Autismus): Marco: Ich sag mal, aber das wird wohl mehr nach unten müssen, oder wenn ich mir vorstelle dass mehr nach oben zu machen, das geht wohl nicht oder? Mitarbeiter: Wenn wir das erst um viertel vor sechs machen, dann müsste das weiter nach unten. Wir haben ja gesagt, wir wollen gleich noch mit dem Tabletten stellen anfangen. Marco: Ja genau, ganz genau. Dann machen wir das mal nach oben. Mitarbeiter: Genau! Marco: Dann kommt das. Mitarbeiter: Super.
Die therapeutische Begleitung von Menschen mit Autismus ist ein relativ neuer Arbeitsbereich für Bethel. Eigene Wohngruppen, aber auch eigene Werkstattgruppen erleichtern Menschen wie Marco das Leben und helfen ihnen ihre Tage mit ganz klarer Struktur zu gestalten.
Atmo Vogelgezwitscher
Durch das Frühlingsgrün der Bäume leuchten die roten Backsteine der Zionskirche. Bodelschwingh hat sie an einem der höchsten Punkte Bethels gebaut, weil er meinte, in der Kirche sind die Menschen Gott fast am nächsten. Der Transport der Kranken in die Kirche war jedoch von Anfang eine Herausforderung an die Kräfte der Mitarbeitenden. Heutzutage gibt es einen Fahrdienst für die Patientinnen und Patienten, die die Kirche zu Fuß nicht erreichen können.
Bodelschwingh hat die Baupläne für die Kirche selber gezeichnet und wollte aus Kostengründen auf Glockentürme verzichten. Nicht historisch bewiesen ist die dennoch schöne Geschichte, dass deutsche Siedler im südlichen Afrika davon hörten und Geld sammelten damit Bodelschwingh in seiner Kolonie Bethel der Kirche Glockentürme und auch Glocken geben konnte. Und so rufen bis heute sonntäglich die Zionsglocken die Gemeinde zum Gottesdienst.
Oton Chorgesang Zionschor: Der Herr ist mein getreuer Hirt, dem ich mich ganz vertraue. Zur Weid er mich sein Schäflein führt Auf schöner grüner Aue Zum frischen Wasser leit er mich Mein Seel zu laben kräftiglich Durch seelig Macht der Gnaden.
Er führet mich auf rechter Bahn Von seines Namens willen
.
Autorin: Eine der Besonderheiten der Zionskirche sind ihre Chöre. Neben der Kantorei gibt es den Zionschor, dessen Sänger und Sängerinnen in erster Linie Menschen mit Behinderung sind. Mit großer Inbrunst und sichtbarer Freude tragen sie zur Gestaltung vieler Gottesdienste bei und geben ihnen ihre besondere Note. Ein allerletztes Stückchen Berg ist noch übrig. Es bringt uns auf den Zionsfriedhof. Im Tod sind wir Gott am nächsten und so musste für Bodelschwingh der Friedhof am höchsten Punkt der Ortschaft angelegt werden. Über dem aus Backsteinen gemauerten Torbogen am Eingang stehen auf blauen Keramikkacheln die Worte: Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Unter mächtigen alten Bäumen sind hier Menschen begraben, die alle ein Stückchen Betheler Geschichte ausmachen. Diakonissen, Diakone und Diakoninnen, Pastoren und Pastorinnen.
Am 4. April 2010, dem 100. Todestag Friedrich v. Bodelschwinghs haben hier die Posaunen Choräle gespielt.
O-Ton Posaunen des Bethler Bläserkreises
Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt! in diesem Bewusstsein hat die Arbeit Bethels vor über 140 Jahren begonnen. Sie war damals und sie ist auch heute noch ein Beispiel für einen Ort, in dem die unterschiedlichsten Menschen mit und ohne Behinderung mit großer Selbstverständlichkeit ihre Gaben und Begabungen einbringen können.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche, ihre Regine Buschmann, Diakonin in Bethel.
Musik 3: Interpret: Canadian Brass - Komponist: John Lennon & Paul McCartney - Titel:With a little helf from my friends - CD: All You Need Is Love
Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt.
|