Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.04.10, 10.00 Uhr, Präses Alfred Buß

„Vom Tod zum Leben – Ostern macht uns lebensgewiß!“

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Die lange Eisstarre dieses Winters hatte ein Ende, der Schnee ist weggeschmolzen.

Winter war’s. Lange Zeit. Doch die Knospen wussten es besser. Noch im Schnee sprangen sie auf. Jetzt wird’s wieder bunt. Die Vögel bauten Nester und legten ihre Eier. Nun brüten, suchen, sammeln sie wieder und singen ihr Lied. Osterhasen hoppeln und Lämmer tollen auf Wiesen und Weiden, bunte Eier locken in den Frühlingsgärten: die Natur ist wieder erwacht. Ostern ist das Fest des Lebens. O herrlicher Tag, o fröhliche Zeit!

Ostern ist das Fest der Freude. Wir loben Gott, den Liebhaber des Lebens. Halleluja. Dies ist der Tag, den der Herr macht. Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein! Der Jubelton hebt unsere Stimme, und der Osterruf ist uns im Ohr: Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Doch dann hören wir, was der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth : Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Das wirkt wie eine „Osterjubelbremse“.

Und ist es wohl auch. Paulus wird selber ausgebremst von seinen Korinthern. Sie haben Zweifel angemeldet. Es gibt keine Auferstehung der Toten, sagen sie. Eine heute nicht seltene Einstellung. Wie halten wir es mit der Auferstehung der Toten? Werde ich, wirst Du von den Toten auferstehen? Gibt’s doch gar nicht, gibt’s doch gar nicht, sang der Kinderchor.

Ostern geht es um Leben und Tod. Genauer: um unser Leben und unseren Tod. Dumm, dass unsere Erfahrungen mit dem Tod genau dort enden, wo unsere Fragen beginnen. Der Tod ist wie der Mond, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Niemand hat seinen Rücken gesehen.

Wir wissen allerdings: Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. Die Mutter von drei kleinen Kindern stirbt an Krebs, ein zehnjähriges Mädchen hat Leukämie, die fröhliche Disco-Sause endet tödlich am Baum, beim Terroranschlag kommen auf einen Schlag 189 Menschen ums Leben, beim Erdbeben mehr als einhundertausend. Der Tod begegnet uns jeden Tag. Und jedes Mal, wenn er auf den Plan tritt, scheint die Osterbotschaft wie weggeblasen.

Der Tod ist auch uns sicher. In durchaus absehbarer Zeit. Der Volksmund weiß das. Alte Studenten- und Trinklieder singen davon. Gaudeamus igitur (iuvenes dum sumus... nos habebit humus): Lasst uns fröhlich sein, solange wir jung sind ...bald wird uns die Erde haben. Auch Paulus kannte solch ein altes Lied: Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot (1.Kor.15,32).

Nach der legendären Schlacht im Teutoburger Wald forderte der römische Kaiser vom Feldherrn Varus seine Legionen wieder. Ein Spottlied nimmt beide aufs Korn:

Sein deutscher Sklave, Schmidt geheißen,
Dacht: Ihn soll das Mäusle beißen,
Wenn er je sie wieder kriegt,
Denn wer einmal tot da liegt,
Wird nicht mehr lebendig.

Denn wer einmal tot da liegt, wird nicht mehr lebendig. Das Sicherste im Leben ist der Tod. Darum haben wir ein Wort in die Welt gesetzt, das heißt „todsicher“. Die festeste Konstante des Lebens ist der Tod. Er ist der Fixpunkt, auf den alles zuläuft. Todsicher nennen wir, was zuverlässig ist und ohne Zweifel feststeht. Und auf „Todsicheres“ bauen wir unsere Zukunft.

Eigentlich eine irre Idee, unsere Sicherheit am Tod zu messen. Weil das so irre ist, schließen wir auch Lebensversicherungen gegen ihn ab. Am Tod richten unser Leben aus. Wie der alte Mann, der sagt: „Ich habe alles geregelt für den Fall der Fälle; mein Testament gemacht, die Beerdigung geplant, Vorsorge getroffen. Niemandem will ich zur Last fallen.“ Ob er am Ende froh sein wird, wenn ihn doch Hände streicheln und halten - statt nur den Knopf zu drücken oder den Stecker zu ziehen?

Der Tod kommt todsicher. Doch eins gibt uns der Tod, diese elende Gestalt, gerade nicht: Lebensgewißheit. Er macht unser Leben zutiefst ungewiß. Unsere Lebensgeschichte bricht er ab. Vorhaben und Pläne bleiben liegen. Das aussöhnende Wort wird nicht mehr gesprochen. Alles, was verquer lief, bleibt unverrückbar. Angefangenes ist nicht mehr zu vollenden. Das Schuldiggebliebene wird nie mehr eingelöst... Am Ende bleibt unser Leben Fragment. Wie hoch die Lebenserwartung auch steigt, unser Leben bleibt unfertig.

Und es gibt so viel abgebrochenes Leben: Menschen, die nicht leben konnten oder nicht leben durften. Wie viele erlitten und erleiden in Kriegen einen vorzeitigen, unsinnigen Tod? Oder durch Völkermord. In armen Ländern werden die wenigsten alt. Unzählige Kinder sterben, weil einfache Medikamente fehlen. Absurde Welt! Das kann doch nicht alles gewesen sein! Und die Zerstörungen und Grausamkeiten können Gott nicht gleichgültig lassen. Er ist doch der Liebhaber des Lebens! Hat denn der Tod –todsicher- das letzte Wort?

Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten. Nun aber... Zwei Wörter nur, aber die Welt wird grundlegend anders! Nun aber: Mit einem Satz reißt Paulus den Vorhang auf, eine neue Ära auf der Weltbühne wird eröffnet. Nun aber... ist der Tod nicht mehr sicher! Dieser Herr und Meister hat seinen Rang verloren.
Nun aber... ist nicht irgendeiner auferstanden von den Toten. Auferstanden ist, der die zerstörerische Gewalt des Todes bekämpfte mitten im Leben. Auferstanden ist, der die Nöte und Hoffnungen der Menschen teilte, kaputtes Leben heilte und Dämonen austrieb. Auferstanden ist, der sich mit den Entrechteten selber an den Rand drängen ließ bis in die äußerste Machtlosigkeit.

Im gekreuzigten Christus sehen wir das Bild aller, deren Leben früh zerstört wurde, die nicht leben konnten oder nicht leben durften. Ihnen sagte er Gottes Nähe zu, noch am Kreuz.

Doch über Nacht ist alles anders geworden. Auf Ostern kann man sich nicht vorbereiten. Ostern widerfährt uns. Mit der Ostersonne geht es den Frauen am Grabe auf - und dämmert es den verstörten Jüngern am Ostermorgen: Der Herr ist auferstanden. Er lebt. Das Nein des Todes ist verschlungen in Gottes Ja zum Leben. Christus ist der erste Freigelassene des Todes, der Erstling unter denen, die entschlafen sind.

Nun aber... ist der auferstandene Christus der Dreh- und Angelpunkt der Welt und nicht mehr der Tod. Wo Christus ist, da ist jetzt Gott - sowohl im Leben als auch im Tod. Die Grenzen von Raum und Zeit sind durchbrochen. Ostern sprengt alle Sicherheiten. Gottes Wirklichkeit setzt sich durch.

Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Wie Gott an Christus gehandelt hat, so wird er auch an uns handeln. Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Jesus lebt, mit ihm auch ich. Aber können wir das glauben? Woher die Gewißheit nehmen?

Eigentlich hieß er anders. Willi nannten sie ihn. Weil er so lebenslustig und fröhlich war. Willi eben. Er ging in die dritte Klasse. Plötzlich wurde er krank. Gehirntumor. Er wurde operiert, und es ging ihm elend. Die Haare fielen ihm aus. Die Kinder seiner Klasse hielten zu ihm. Sie spielten mit ihm und brachten ihm die Schulaufgaben. Manches Mal gab’s auch viel zu lachen. Und doch war die Krankheit stärker. Willi starb. Zu Willis Beerdigung malten sie Bilder, gaben sie mit in sein Grab. Bunte Wiesen malten sie und Tiere. Willi hatte gerne mit Tieren gespielt. Eine große Sonne malten sie und viel Licht. Das Bild eines Mädchens setzte Willi in einen großen blauen Ballon, der dick war und rund mit viel Platz. Der blaue Ballon ist Gott, sagte das Mädchen. Darin war Platz für vieles, auch für ein Zebra. Tschüß schrieben sie noch und Bis bald. Bis bald – obwohl Willi tot war. Wer hat’s den Kindern eingegeben? Keine Lehrerin, keine Mutter und kein Vater. Und doch ist es Osterbotschaft pur. Die Kinder führen es uns vor Augen: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

Ostern macht uns nicht todsicher, liebe Gemeinde. Ostern macht uns lebensgewiß. Sicherheit können wir herstellen. Gewißheit aber wird uns geschenkt. Gewissheit lässt sich nicht beweisen. So wie wir nicht zählen, messen oder beweisen können, wieviel Liebe in einem Kuß ist, wieviel Trauer in unseren Tränen, wieviel Glaube und Hoffnung in einem Gebet. Gewißheit lässt sich nicht beweisen. Und doch trägt sie - im Leben und im Sterben. Nichts konnten die Kinder von dem beweisen, was sie für Willi malten. Und doch sprachen ihre Bilder Bände: Willi, Bis bald.

Gewissheit schenkt Ruhe, das Leben aus der eigenen Hand zu geben, es Gott zu überlassen und auf sein Kommen zu warten. Natürlich bleiben Fragen. Es steht ja noch aus, was wir dann sein werden. Es gibt Zweifel, wie damals bei den Korinthern. Zweifel ist ja nicht Unglaube, sondern der Bruder des Glaubens. Zweifeln ist Zwiespältigkeit, das Hin-und Hergerissensein im Glauben. Vor der Beerdigung seiner Frau sagte mir ein Mann: Ich kann nicht glauben, dass die Toten auferstehen. Trotzdem: Bitte sprechen Sie davon. Eine seltsam widersprüchliche Bitte: Wir müssen uns Worte leihen, damit wir nicht unbehaust bleiben.

Werden die Toten auferstehen? Gibt’s doch gar nicht, gibt’s doch gar nicht. Ohne die Fragen der Korinther müsste Paulus sich seines Glaubens nicht vergewissern. Ist Christus aber nicht auferstanden...so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren, antwortet er. Zweifel tun dem Glauben gut. Was ist eigentlich schwerer vorstellbar: der ewige Tod Willis und all‘ der anderen Kindern und auch der Opfer, deren Leben abgebrochen wurde? - Oder die Auferstehung der Toten und ein Leben in Gott? Was ist absurder?

Ostern ist das Fest des Lebens. Jetzt wird’s wieder bunt. Der Liebhaber des Lebens lädt ein zum Fest der Freude. Wir feiern es mit allem, was aufbricht: mit Schneeglöckchen und Krokussen, Tulpen und Narzissen, Hühnern und Küken, Ostereier-Gewinnspiel und Goldhasen gratis - einfach zum Vernaschen. Ein großes Hühner- und Hasenfest. Lebensfreude pur. Doch: Osterfeiertage macht der Kalender. Ostern aber macht Gott.

Nun aber... ist Christus auferstanden von den Toten. Jesus lebt, mit ihm auch ich. Diese Botschaft ist nicht zu toppen. Und dahin sind wir unterwegs. Frohe Ostern! Amen

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 18.04.2010 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Ref. St. Johann Kirche gesendet. Die Predigt hält Pfarrer Horst-Dieter Mellies.


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen