Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.04.10; Pfarrer Matthias Köhler

Auferstehung

Ich bin ein Stein. Ein großer Stein. Und nein: Ich glaube nicht an die Auferstehung. Darum hat man mich ja auch vor dieses Grab gerollt. Weil ich ein Stein bin. Und groß.

Und nicht glaube. Das ist im übrigen ein ganz normaler Job für einen Stein. Und nichts Ehrenrühriges!

Vorgestern haben sie einen Menschen gebracht. Sie haben geweint, denn der Mann war tot. Kein schöner Anblick. Aber sie haben ihn in Tücher gewickelt. Und dann haben sie geweint und ihn ins Grab gelegt. Sie haben mich vor dieses Grab gerollt. Weinend sind sie weggegangen, denn der Mann war tot.

Wächter kamen und stellten sich vor mich hin. Niemand kommt an ihnen vorbei. Niemand kommt an mir vorbei. Ich bin ein Stein. So eine Position wie ich hat keiner. Ich kann ins Grab hineinsehen und zugleich auch in den Garten.

Ich bin ein Stein. Ich glaub nicht an die Auferstehung. Ich bin ein Stein.

Es wird Nacht. Der Garten liegt im Dunkeln. Dunkel, wie drinnen die Grabhöhle. In dem Grab bleibt es dunkel. Immer. Egal, ob im Garten Tag oder Nacht ist. Dafür sorge ich schon. Ich bin ein Stein. Ich halte auch am Tage die Dunkelheit in der Grabhöhle fest.

Aber auf einmal wird es Licht. Noch dazu auf der falschen Seite! Nicht etwa da, von wo der Morgen kommt. Nicht auf der Seite des Gartens, wo die Sonne aufgeht. Nein. Innen. Im dunklen des Grabes wird es hell. Kommt der Morgen heute aus dem Grab? Ich bin verwirrt.

Es kann nicht sein, es darf nicht sein! Dort draußen ist es dunkel und drinnen ist es hell! Die Wächter sinken vor mir auf den Boden. Ohnmächtig – machtlos. Aber drinnen erhebt sich –  Ja: wer eigentlich ist das? Der sich im Dunkel des Grabes erhebt, der es erleuchtet?

Ich bin ein Stein! Ich glaub`s nicht!! Ich bin ein Stein! Die Jahrtausende habe ich gesehen. Ich weiß Bescheid. Ich bin fest.Ich bin stark. Ich tue meinen Job. Alles ist so wie immer.Ich bin wie immer.Ich bin ein Stein. An mir kommt keiner vorbei!

Aber das Licht – im Grab. Auf einmal werde ich so leicht! Ich schwebe fast, bewege mich und rolle fort. Fort vom Eingang, der zum Ausgang wird. Ein Ausgang aus dem Grab? Ich bin ein Stein. Ich glaube nicht an die Aufer...

ER tritt heraus.Und im Vorübergehen Legt er ganz leicht nur seine Hand auf mich. Und mir wird warm.

Ich bin ein Stein.

Ich glaub es nicht: Ich glaube!

Audiobeitrag Auferstehung


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