Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.04.10, Diakonin Regine Buschmann

"Wegbegleiter" - Tarzan

Guten Morgen, liebe Hörerin und Hörer!F rüher konnte man in Bethel im Winter Tarzan begegnen. Ich habe keine Ahnung wie sein richtiger Name war.

Wir kannten ihn nur als Tarzan. Er war ein großer Mann von kräftiger Statur. Dunkle Locken, die immer etwas zu lang und unordentlich waren, ein dunkler Vollbart. Das gab ihm einen etwas verwegenen Ausdruck. Seine Kleidung war alt und zerschlissen, aber immer sauber und ordentlich. Nur wenn man ihm genauer ins Gesicht schaute, konnte man feststellen, dass sich die Falten eines harten Lebens tief in seine Züge eingegraben hatten. Ich weiß nicht, wie alt Tarzan war, als ich ihn kennen lernte. Ich weiß nur, dass er viele Jahre auf der Straße gelebt hat.

Im Sommer machte Tarzan Platte – so nennen die wohnungslosen Menschen ihr herumwandern.. Er durchquerte zu Fuß große Teile Deutschlands und machte dabei so seine Erfahrungen mit seinen Mitmenschen. Manche begegneten ihm mit großer Offenheit und Freundlichkeit. Häufiger aber machte er Erfahrungen von Ablehnung, manchmal sogar von Gewalt.

Im späten Herbst kam er dann meist zurück nach Bethel. Hier konnte er immer in einem der vielen Gartenhäuschen halbwegs komfortabel überwintern. Seine persönliche Freiheit war ihm enorm wichtig. Darum ließ er sich auch nie in einem der Betheler Häuser für wohnungslose Menschen aufnehmen. Eine Liege im Gartenhäuschen, eine elektrische Heizung oder auch ein Kaminofen für ein wärmendes Feuerchen reichte ihm. Und hier und da bekam er immer etwas zu essen. Er gehörte damals im Winter einfach dazu in Bethel.

An wärmeren Tagen konnte man ihn auf einer Bank antreffen. Eine Flasche Bier in der Hand hatte er meist nichts gegen ein Schwätzchen einzuwenden. Und auch nicht gegen eine Thermoskanne mit heißem Tee.

Er hat mir ein bisschen aus seinem Leben erzählt. Es war die übliche Geschichte: zuerst die Arbeit verloren, dann die Ehefrau. Schließlich auch noch die Wohnung. Der Alkohol wärmt und tröstet dann –zumindest scheint es so- und bevor er es so richtig realisiert hat, ist er auf der Straße gelandet. Mit den Jahren hat er sich an das Leben gewöhnt. Kann ihm sogar seine guten Seiten abgewinnen. Die Freiheit ist ihm wichtig und das Leben ohne materiellen Besitz erleichtert. Auch wenn es oft richtig hart ist.

Tarzan ist in den Jahren auf der Straße zu einem Philosophen geworden. „Du musst langsamer leben, Regine“ hat er einmal zu mir gesagt, „sonst kannst Du die Minuten nicht spüren!“.

Natürlich ist ein Leben auf der Straße keine Möglichkeit für mich. Aber auch er hat es ja so nicht geplant. Es ist passiert. Irgendwann hat ihm einfach die Kraft gefehlt, sich gegen die Entwicklung zu wehren. Vielleicht hat er auch einfach nur nicht die richtigen Leute getroffen, die ihm auf seinem Weg hätten weiter helfen können.

Allerdings hatte ich nie den Eindruck, dass Tarzan unglücklich war mit seinem Weg. Manchmal unzufrieden, ja, aber unglücklich – ich glaube nicht! „Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt.“ Das hat Friedrich von Bodelschwingh gesagt und er meinte es in Bezug auf die wohnungslosen Menschen, die ihm ganz besonders am Herzen lagen. Seine „Brüder von der Landstraße“ hat er sie genannt und mit seinem Ausspruch machte er deutlich, dass diese Menschen den gleichen Anteil an der Liebe Gottes haben, wie alle anderen Menschen auch.

Audiobeitrag "Wegbegleiter" - Tarzan


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