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"Wegbegleiter" - Anna
Guten Morgen liebe Hörerin und Hörer, vor vielen Jahren habe ich in den von Bodelschwinghschen Stiftungen, besser bekannt als Bethel, Anna betreut.
Die junge Frau lebte dort in einer Wohngruppe. Sie war an einer Epilepsie erkrankt, hatte dazu eine geistige Behinderung und die linke Hand war spastisch gelähmt. Anna durchlief nach Abschluss der Sonderschule ein zweijähriges Berufstraining. Sie machte Praktika in unterschiedlichen Werkstätten in Bethel, um herauszufinden, welche ihrer Fähigkeiten sich bei der Arbeit produktiv einsetzen ließen, welche Tätigkeit ihr Freude machen würde.
Nicht selten kam sie in diesen zwei Jahren traurig und frustriert zurück in die Wohngruppe. Wieder hatte ein Versuch nicht geklappt, wieder musste sie feststellen, dass mit nur einer funktionsfähigen Hand viele Tätigkeiten nicht auszuführen waren. Die Arbeit am Webstuhl in der Handweberei wollte sie am liebsten machen. Mit Holz zu arbeiten, das konnte sei sich auch noch vorstellen. Aber für diese Tätigkeiten hätte sie zwei gesunde Hände gebraucht. Die Suche nach einem angemessenen Arbeitsplatz war sehr schwierig.
Immer wieder habe ich mit ihr geredet und ihr versucht Mut zu machen und geduldiger mit sich selber zu sein. Es war keine leichte Zeit für Anna.
Gegen Ende des Berufstrainings landete sie jedoch in einer Werkstatt mit einem sehr kreativen und findigen Mitarbeiter. Der Kollege baute einfache Hilfsmittel, die die Beweglichkeit der gelähmten linken Hand ersetzen konnten. In eine Klemmvorrichtung, die sich mittels einer Feder durch leichten Druck schloss, konnte das Werkstück eingespannt und von Anna dann mit der gesunden rechten Hand bearbeitet werden.
Manchmal treffe ich Anna heute noch in Bethel. Immer noch glücklich mit ihrer Arbeit. Sie erzählt mir dann, was sie sich vom selbstverdienten Geld gekauft hat, was sie damit unternehmen kann.
Denn Arbeit zu haben ist für Menschen mit und ohne Behinderung nicht nur eine Tätigkeit gegen die Langeweile. Arbeit zu haben, ist nicht nur eine Frage der Beschäftigung und der Tagesstruktur. Über Arbeit definieren die meisten Menschen einen guten Teil ihres Selbstbewusstseins, ihrer eigenen Bedeutung. Arbeit verschafft Erfolgserlebnisse und Befriedigung. Eine Erwerbstätigkeit, die am Ende des Monats mit Lohn oder Gehalt entgolten wird, ermöglicht dem Menschen ein selbständiges Leben, das nicht von der Barmherzigkeit oder den Almosen anderer abhängig ist. Und das trifft auf Menschen ohne Behinderung ebenso zu wie auf Menschen, die mit Behinderungen oder Einschränkungen leben müssen.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Monate macht es besonders den Werkstätten, in denen behinderte Menschen arbeiten können schwer. Sie kommen kaum noch an industrielle Aufträge heran. Immer mehr dieser Aufträge werden ins vermeintlich billigere Ausland verlagert. Immer kürzer wird der Zeitraum zwischen Auftragserteilung und Auslieferungstermin. Just in time heißt das Zauberwort, das den Produktionsdruck auch in diesen beschützen Arbeitsbereichen bis an die Leistungsgrenzen der Menschen erhöht. Immer schwerer wird es, Aufträge zu bekommen, die auch von behinderten Menschen erledigt werden können. Obwohl die Qualität der Arbeit in den Werkstätten sich leicht mit der normaler Zulieferbetriebe messen kann.
Friedrich von Bodelschwingh hat einmal gesagt: einem arbeitsfähigen Menschen Arbeit zu geben, ist stets viel barmherziger als ihm ein Almosen zu geben; ersteres hebt ihn, letzteres entehrt ihn.
"Wegbegleiter" - Anna
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