Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.04.10, Diakonin Regine Buschmann

"Wegbegleiter" - Hannes

Guten Morgen, liebe Hörerin und Hörer! Hannes nervt. Manchmal jedenfalls. Er lebt in Bethel und dort wird er auch betreut. Gelegentlich kommt er rüber zu mir.

Er ist immer ganz unruhig, läuft hierhin und dorthin. Er kann nicht still stehen, nicht still sitzen. Wenn überhaupt, redet er in extrem kurzen, undeutlichen Sätzen. Man muss schon ganz genau hinhören um zu verstehen, was er möchte. Er sucht immer den Kontakt zu uns Mitarbeitern. Die anderen Bewohner seiner Gruppe ignoriert er weitgehend und hält sie sich vom Leibe.

Mich macht er ganz wuschig mit seiner dauernden Unruhe.

Hannes hat Epilepsie. Eine geistige Behinderung und das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom machen die stationäre Unterbringung notwendig. Dafür gibt es ein Sonderkrankenhaus in Bethel. Hannes komplizierte Epilepsie wird hier so gut wie möglich behandelt. Medikamente dämpfen Hannes Anfälle, nehmen sie aber eben nicht ganz weg. Nach einem epileptischen Anfall ist er müde und schlapp. Manchmal schläft er danach stundenlang. Ein solcher Anfall ist enorm anstrengend für Körper und Geist. Häufig denke ich, dass er nur dann ein wenig zur Ruhe kommt.

Die Zimmer in den Wohngruppen im Krankenhaus sind gemütlich und sehr individuell gestaltet. Meist teilen die jungen Leute sich einen Raum. Bei Hannes geht das wegen seiner Unruhe nicht. Hätte er einen Zimmergenossen würden wahrscheinlich beide eher darunter leiden als von der Gemeinschaft profitieren.

Sonntags kommt Hannes zum Gottesdienst in die Zionskirche. Besser sollte ich sagen: er schaut mal rein. Denn wenn er den Chor nicht sieht, dann ist er ganz schnell wieder weg. Wenn aber der Chor singt, kann man einen ganz anderen Hannes erleben. Er stellt sich neben den Chorleiter und dirigiert. Ganz ruhig, ganz konzentriert. Natürlich völlig falsch, aber was für eine Rolle spielt das? Bis zum Ende des Stückes steht er still und bewegt nur die Arme in dem Takt, den nur er wahrnimmt. Manchmal lassen sich sogar die Sänger ablenken von seiner ungewöhnlichen Konzentration.

Ich habe nie herausgefunden, was dieser Chor in Hannes auslöst. Und es funktioniert nur in der Kirche, nicht mit Musik von der Platte. Aber es verschafft ihm ein paar ruhige Minuten und man kann so etwas wie Freude in seinem ansonsten meinst angestrengten und fast schon versteinerten Gesicht wahrnehmen.

In Bethel geht das. Menschen finden dort mit ihren Besonderheiten ihren Platz. Die Gemeinschaft toleriert und akzeptiert das. Gäste bezeichnen solche Erlebnisse oft als den „Bethel-Geist“, das Besondere an dieser Ortschaft.

Menschen, die an einer Epilepsie, früher auch Fallsucht genannt, leiden, finden hier ein neues Zuhause. Friedrich von Bodelschwingh schreibt in einem christlichen Ratgeber für Epileptische: „ während sich draußen alles mehr und mehr vor diesen Kranken verschließt, steht ihnen hier alles offen: Schule und Kirche, Kontor und Werkstatt.“

Bodelschwingh hat vor mehr als 140 Jahren einen Ort geschaffen, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben und sich auf ihren Lebenswegen begleiten. Einen Ort, der Zeugnis davon ablegt, dass die unterschiedlichsten Menschen dennoch zusammenleben können und dass niemand ausgegrenzt werden muss.

Audiobeitrag "Wegbegleiter" - Hannes


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen