|
"Der Herr ist mein getreuer Hirt" (eg 274)
Autorin: Worte sind nicht nur Worte. Manche sind wie eine warme Umarmung, in der man sich geborgen fühlt. Gerade wenn es an allem mangelt.
Wenn wir durch finstere Täler wandern; Unglück fürchten. Dann suchen und finden viele Trost in Worten, die uns seit Kindertagen vertraut sind.
Musik 1 / Strophe 1: Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute / darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. / Er weidet mich ohn Unterlaß, darauf wächst das wohlschmeckend Gras / seines heilsamen Wortes.
Sprecher: Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. Er weidet mich ohn Unterlaß, darauf wächst das wohlschmeckend Gras seines heilsamen Wortes.
Autorin: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Der Choral nach der Melodie von Johann Walter nimmt die Worte des 23. Psalms auf. Meine Bibel schlägt sich von selbst auf dieser Seite auf. Wie oft haben sich Menschen gewünscht, dass ich diesen Psalm für sie lese: beim Abendmahl zu Hause, draußen auf dem Friedhof, im Krankenbett. So bekannt wie die Worte sind auch die Bilder: die romantischen Darstellungen des guten Hirten auf lieblichen grünen Weiden, ein Lamm im Arm oder auf der Schulter. Auf alten Konfirmationsurkunden, auf Postern und inzwischen sogar als Tattoo auf der Haut. Auch die Vertonungen sind zahlreich. Mal sehnsuchtsvoll wehmütig. Mal kraftvoll optimistisch:
Musik 2 / Strophe 1: Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute / darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. / Er weidet mich ohn Unterlaß, darauf wächst das wohlschmeckend Gras / seines heilsamen Wortes.
Autorin: Was fasziniert so am guten Hirten? Das muss mehr sein als wirklichkeitsferne Romantik. Die grüne Au, die der 23. Psalm besingt, das frische Wasser, die rechte Straße, der gedeckte Tisch, das Zuhause immerdar sie lassen viele Menschen ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben spüren. Die Worte sprechen gerade denen aus der Seele, die davon so manches vermissen. Menschen, die der Lebensweg eher über karge Landschaft, in Sackgassen, durch Hungerjahre und Heimatlosigkeit führte. Warum sie diesen Psalm so liebe, fragte ich eine alte Dame, die in ihrem Rollstuhl im Gottesdienst saß. Sie hatte ihn laut mitgesprochen. Bei den Worten du bist bei mir weinte sie plötzlich. Ohne zu überlegen antwortete sie: Weil da gesagt wird, dass einem nichts passiert.
Musik 2 / Strophe 2: Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute, / das ist sein werter Heilger Geist, der mich macht wohlgemute; / er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlaß / um seines Namens willen.
Sprecher: Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute, das ist sein werter Heiliger Geist, der mich macht wohlgemute; er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlaß um seines Namens willen.
Autorin: Schön wärs, wenn einem nichts passieren könnte. Schön wärs, wenn für alle Menschen reines Wasser flösse und der Tisch gedeckt wäre und niemand auf der Strecke bliebe. Schön wärs, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so, möchte ich widersprechen. Wo sind denn die guten Hirten? Wo finden wir sie heute? Schon im Alten Testament sucht einer der Propheten sie vergeblich.
Sprecher: So spricht Gott: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden. Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht. (Ezechiel 34,2-4)
Autorin: Die zornige Rede Gottes richtet sich an die Herrschenden. Sie beklagt, was nicht nur damals an der Tagesordnung war: die Hirten weiden nur sich selbst. Die Opfer ihrer Politik, die Verlorenen, Verwundeten und Verirrten, lassen sie im Stich. Sie bleiben abgehängt liegen im finsteren Tal. Gegen diese Hirten bekennt sich Psalm 23 zu Gott als dem guten Hirten, der keinen Menschen verloren gibt. Gott geht ihnen nach und leitet sie durch die dunklen Abgründe des Lebens hindurch.
Musik 2 / Strophe 3: Ob ich wandert im finstern Tal, fürcht ich doch kein Unglücke / in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke: / denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich, / auf dein Wort ich mich lasse.
Sprecher: Ob ich wandert im finstern Tal, fürcht ich doch kein Unglücke, in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke: denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich, auf dein Wort ich mich lasse.
Autorin: Die urchristliche Gemeinde sah in Jesus den guten Hirten verkörpert. Und er selbst sagte von sich: Ich bin der gute Hirte. (Joh 10,14) In ihm lebt die Sehnsucht von Psalm 23 weiter. Jesus war solch ein Mensch, der die Unglücklichen in ihren finsteren Tälern aufsuchte. Er wendete sich den Verlierern zu und heilte die Verwundeten. Er war parteilich für die Schwachen. Und nicht zuletzt: er selbst wurde Opfer der Tücke dieser Welt, als er dafür ins finstere Tal des Todes gestoßen wurde. Selbst im Angesicht seiner Feinde suchte Jesus Gemeinschaft mit allen. Sogar mit den Ausgestoßenen und Sündern. Er saß mit ihnen an einem Tisch, aß und trank mit ihnen.
Musik 1 / Strophe 4: Du breitest vor mir einen Tisch vor mein Feind allenthalben, / machst mein Herz unverzagt und frisch; mein Haupt tust du mir salben / mit deinem Geist, der Freuden Öl, und schenkest voll ein meiner Seel / deiner geistlichen Freuden.
Sprecher: Du breitest vor mir einen Tisch vor mein Feind allenthalben, machst mein Herz unverzagt und frisch, mein Haupt tust du mir salben mit deinem Geist, der Freuden Öl, und schenkest voll ein meiner Seel deiner geistlichen Freuden.
Autorin: Seit über einem Jahr treffe ich mich zur Bibelarbeit mit Mitarbeitenden der Diakonie. Sie unterstützen Menschen, die ihre Wohnung verloren haben und mühsam Wege aus ihrem Unglück suchen. Aber mehr noch: sie helfen Notleidenden, sich aus Schulden, Sucht und familiären Problemen zu befreien, gehen mit ihnen zu Behörden und helfen ihnen, ihr Recht zu bekommen. Diese Frauen und Männer sind in meinen Augen die guten Hirten von heute. Sie gehen den Verlorenen nach, die sich verlaufen haben und allein nicht mehr zurück finden. Mit langem Atem und viel Geduld. Denn das ist doch unser Glaube: So wie wir sicher sein dürfen: Gott gibt uns nicht verloren, so sollen auch wir keinen verloren geben.
Musik 1 / Strophe 5: Gutes und viel Barmherzigkeit folgen mir nach im Leben, / und ich werd bleiben allezeit im Haus des Herren eben, / auf Erd in der christlichen Gmein, und nach dem Tode werd ich sein bei Christus meinem Herren.
Sprecher: Gutes und viel Barmherzigkeit folgen mir nach im Leben, und ich werd bleiben allezeit im Haus des Herren eben, auf Erd in der christlichen Gmein, und nach dem Tode werd ich sein bei Christus meinem Herren.
Musikinformationen:
Text von Dichter: Anonymus (andere: Wolfgang Meuslin) Melodie: Johann Walter, 1524
Musik 1 Bearbeiter: Melchior Vulpius Chor unter Leitung von: Knabenkantorei Wuppertaler Kurrende unter Ltg. v. Heinz Rudolf Meier
Musik 2 Komponist: Siegfried Reda Chor unter der Leitung von: Jugendkantorei der Auferstehungskirche Essen unter Ltg. v. Ursula von den Busch
"Der Herr ist mein getreuer Hirt" (eg 274)
|