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"Die wahre Elite" (Johannes 12, 12-19)
Im Oktober 1898 reiste der deutsche Kaiser Wilhelm II. mit seiner Gattin in das Heilige Land, das damals zum Osmanischen Reich gehörte.
Wilhelm II. posiert auf Fotos gern in weißer Paradeuniform und hohen Lederstiefeln, die Brust mit zahlreichen Orden geschmückt, die Hand lässig auf ein Schwert gelegt. Das kaiserliche Haupt ziert der stolze Helm. Auf dem thront mit ausgebreiteten Schwingen der Reichsadler. Die Augen des Monarchen blicken staatsmännisch, während der kühn nach oben geschwungene Bart dem Gesicht etwas Verwegenes gibt.
Der Kaiser gibt sich auf seiner Reise nach Jerusalem als Pilger. Doch kommt er natürlich nicht ganz ohne politische Absichten. Auch auf türkischer Seite will man sich freundlich geben und Wilhelm II. Ehre erweisen. Damit der Einzug des deutschen Monarchen gebührend prächtig ausfällt, wird extra die Jerusalemer Stadtmauer durchbrochen. Am Morgen des 29. Oktober zieht der hohe Besuch mit seinem Gefolge nach Jerusalem ein. Das Kaiserpaar reitet auf weißen Schimmeln in strahlend weißen Mänteln an der Spitze der Würdenträger in die Stadt ein.
Morgen erinnern die Kirchen an einen ganz anderen Einzug, der sich knapp 2000 Jahre vorher, an jener Jerusalemer Mauer ereignet: Ein Rabbi im staubigen groben Gewand, gelernter Zimmermann, reitet auf einem am Weg gefundenen Esel nach Jerusalem ein. Am Wegesrand jubeln ihm die Massen zu und feiern ihn als König. Den Hofstaat dieses Lumpenkönigs stellen ehemalige Fischer und Zöllner. Um ihm den Weg zu schmücken, legen die Menschen ihre Kleider auf den Weg. Anstelle von Fahnen schwingen sie abgerissene Palmwedel.
Ein größeres Kontrastprogramm kann man sich kaum ausdenken. Fast wirkt dieser Einzug wie eine Satire auf den Einzug der großen Männer. Und vielleicht will die Geschichte ja genau das sein. Sie weckt mein Lachen über die herrschaftlichen Machtdemonstrationen der Eliten. Die lieben es, Einzug zu halten und sich feiern zu lassen. Heute schreiten die Größen durch das Blitzlichtgewitter vorm Opernball. Sie lassen sich auf Balkonen teuerer Hotels bejubeln. Oder sie stolzieren durch das Spalier klatschender Aktionäre.
Die biblische Geschichte vom Einzug in Jerusalem ehrt einen, der so ganz anders daher kommt. Schaut her, der hier ist die wahre Elite: Dessen Füße den Staub der beschwerlichen Wege kennen, der nicht auf hohem Ross sitzt, der nicht gekommen ist zu herrschen, sondern zu dienen, dessen Leben im Viehtrog begann und am Kreuz endete. Der ist es, den die Welt braucht.
Sprecher: Was wir brauchen, sind Demütige, die aus Liebe und Respekt vor jeder Kreatur wissen, dass sie nur mit allen anderen nur mit allen anderen zusammen etwas wert sind. Nicht der Alleskönnende, nicht der Alleswissende und der Allesbeherrschende, (..) der den unteren, eigenen Weg geht, alles im Auge und im Herzen behandelt, der ist es, der uns auf den Weg schickt, einmal anders mit den Menschen umzugehen. Nicht der Fahnenschwinger und Trompetenschmetterer
So der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch.
Wenn mir demnächst wieder jemand erklären will, wir brauchten mehr Elite im Land, dann denke ich an diesen Jesus. Ich sehe ihn an, wie auf dem zugelaufenen Esel reitet, über den Flickenteppich aus Kleidern, die nach Schweiß und Armut riechen. Und mir scheint, er zwinkert mir zu und lächelt.
"Die wahre Elite" (Johannes 12, 12-19)
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