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Alt werden dürfen (2 Mose 20,12)
Oma, du hast aber eine tolle Figur! - Ja, damit du stolz auf mich bist, antwortet die durchtrainierte Seniorin ihrer Enkelin.
Und sie erklärt der Kleinen auch gleich, welches Fitnessstudio dafür sorgt, dass sie auf ihre Großmutter stolz sein kann.
Die Oma, auf die ich heute immer noch stolz bin, war ganz anders als die fitte Dame aus dem Werbespot. Oma Mimi steckte ihre grauen Haare zum Dutt. Um ihre runden Hüften hatte sie eine Schürze gebunden. An der wischte sie mir die klebrigen Finger ab, wenn ich den Topf auslecken durfte. Ihre Hände waren rau und ihre Fingernägel kurz geschnitten. Im Sommer färbten sie sich oft rot vom Saft der Beeren, von denen sie Marmelade für uns kochte. Oma Mimi hatte einen molligen Bauch und einen weichen großen Busen. Sie hatte die tollste Figur der Welt für mich.
Wenn me öller wääd..., grantelte sie gern, wenn ihre Knochen schmerzten. Oma kämpfte manches Mal mit dem Alter. Aber sie kämpfte nicht gegen das Alter. Sie nahm es gelassen. Das Wort Fitnessstudio kannte sie nicht. Und auch nicht das Wort Überalterung.
Überalterung ist eine der Parolen, mit der die Generationen gegeneinander in Stellung gebracht werden. Die Botschaft heißt: Wir können uns die Alten nicht mehr leisten. Ich erinnere mich an ein Plakat in einer Bank, das für private Vorsorge warb. Es zeigte einen sympathischen jungen Mann, auf dessen schmalen Schultern links und rechts zwei Senioren sitzen. Diese Drohung kommt an. Nicht nur bei den Jungen, auch bei den Alten. Auf zur Bank, Versicherungen abschließen! Auf ins Fitnessstudio und die Spuren der Jahre verwischen! Nicht rosten, damit die Enkelin Oma nicht zu altem Eisen erklärt!
Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebst und es dir wohl ergehe auf Erden., schärft die Bibel ein. Das Gebot ist nicht die Aufforderung, braves Kind seiner Eltern zu sein. Gott spricht hier sein Volk als Ganzes an. Wir können auch so übersetzen: Ihr sollt die alten Menschen in euerer Mitte respektieren und versorgen.
Das Erstaunlichste an diesem Gebot ist die Verheißung: damit du lange lebst und es dir gut geht. Es geht also nicht um Moral. Es geht um ein gutes Leben für alle. Ein kluger Gedanke: Die junge Generation schneidet sich ins eigene Fleisch, wenn sie der älteren die Solidarität aufkündigt. Daran wie es den alten Menschen geht, kann ich ablesen, welche Zukunft mir blühen wird. Und es tut meinem Leben schon jetzt gut, wenn ich keine Angst haben muss vor dem Altwerden, vor Armut und Bevormundung, vor Einsamkeit und Abhängigkeit. Es würde der Enkelin der sportgestählten Oma wohl tun, wenn sie von Anfang an lernte: wir verlieren unseren Wert nicht, wenn die Kräfte nachlassen und die Figur nicht so toll ist.
Ich mache darum nicht mit, wenn die Generationen gegeneinander ausgespielt werden. Ich vertraue nicht in eine Zukunft, für die jeder privat vorsorgen muss. Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen, wir bräuchten mehr Geburten, solange viel zu wenig Arbeit für alle da ist. Was wir brauchen, sind mehr gerechte Arbeitsverhältnisse und Löhne. Wir brauchen mehr Solidarität und nicht Konkurrenz zwischen den Generationen.
Und den Kindern, die von der Schule zur Nachhilfe eilen, um fit für die Zukunft zu werden, wünsche ich eine Oma, die Zeit hat, die ihnen Heft und Stift aus der Hand nimmt, mit ihnen einen heißen Kakao trinkt, sie in den Arm nimmt und an ihrem tollen runden Bauch wärmt.
Alt werden dürfen (2 Mose 20,12)
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