Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.03.10, Pfarrerin Silke Niemeyer

„Nicht mehr Erster sein müssen“ (Johannes 5, 1-9)

Die Hallen am Teich Betesda in Jerusalem sind heute nur noch Ruinen. Wer sie besichtigt, hört nicht mehr das Murmeln und Stöhnen, die Schreie und das Weinen,

die die Mauern damals füllten.

Jede Epoche hat ihre Orte, wo die Ausgestoßenen sich sammeln: Die Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten. Die Ausgebrannten, Entlassenen, Ausgemusterten, für überflüssig Erklärten. Betesda ist einer dieser Orte. Heute ziehen diese Hoffnungslosen Nummern und warten bis sie aufgerufen werden. Damals, zur Zeit Jesu, warteten sie darauf, dass das Wasser im Teich sich bewegte. Denn ein Engel des Herrn, so hieß es, fahre von Zeit zu Zeit herab und bewege das Wasser. Wer dann zuerst hinein stieg, der wurde gesund, woran er auch litt.

Einer wird gewinnen! Eine Gesellschaft sammelt ihre Blinden und Lahmen und Ausgezehrten um den Pool – damals gefüllt mit Wasser, heute ist es der Gewinnpool oder der Stellenpool –  um sie aufeinander zu hetzen. Sie warten auf den Engel des Herrn, die Glücksfee, das große Los, das Stück vom Kuchen.

„Chancen sichern und dann auf in den Wettbewerb!“ – damals in Betesda, heute bei uns. Gleichheit verkümmert zur Chancengleichheit. Gerechtigkeit schrumpft zu fairem Wettbewerb.

Was wohl in Betesda los ist, wenn das Wasser sich bewegt? Die Blinden trampeln über die Lahmen, die Lahmen stellen ihnen ein Bein, die Ausgezehrten schubsen einander aus dem Weg. Denn das Heil liegt darin als Erster an diesen Teich zu kommen. Mit der Legende vom Engel des Herrn, der nur den Ersten gnädig ist, oder mit der Legende von Chancengleichheit und Wettbewerb werden die Menschen zur Hatz gegeneinander angestachelt.

Diese Bühne betritt Jesus und sieht einen gelähmten Mann, der das Spiel schon 38 Jahre lang mitmacht. Immer als Verlierer. „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir ein.“, klagt er. Das muss man sich mal vorstellen: Der Lahme versucht seit 38 Jahren der Schnellste zu sein. Er findet keinen Helfer an diesem Ort, wo jeder sich selbst der Nächste sein muss. Und wartet weiter auf seine Chance. Wenn ich ihn nicht so bedauerte, möchte ich fast darüber lachen, wie grotesk seine Illusion ist.

Ich frage mich: Könnte es sein, dass sein Klammern daran, der Erste sein zu müssen, der eigentliche Grund für seine Lähmung ist? Dass genau dieses Denken ihn lahm macht: Ich muss der Schnellste sein. Ich warte auf mein großes Glück. Ich habe doch keinen Menschen. Ich bin auf mich allein angewiesen. So was macht einen doch krank: Du kommst nur auf einen grünen Zweig, wenn du die anderen überholst. Gesund stößt sich nur der eine, der sich ins bewegte Wasser vorkämpft. Du musst für dich allein sorgen. Die anderen sind deine Konkurrenten.

Jesus aber spricht zu ihm: „Willst du gesund werden? Dann steh auf, nimm dein Bett und geh.

Steh auf! Mach den Aufstand gegen diese kranken Verhältnisse. Verlasse diese Halle, diesen Teich, diese Illusion vom Glück. Hör auf, Erster werden zu wollen. Das macht dich nicht heil. Lass diese Welt hinter dir, wo nur die Schnellsten glücklich werden und die Rücksichtslosen sich gesund stoßen.

Und sogleich wurde der Mensch gesund.

Audiobeitrag „Nicht mehr Erster sein müssen“ (Johannes 5, 1-9)


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