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"Öffne deinen Mund für den Stummen" (Sprüche Salomos 31,8)
Die Armen würden meist betrachtet wie die Fische im Aquarium, las ich einmal. Es ist gesellig, sich vor so einem Glaskasten aufzuhalten und die kleinen Fische
jenseits der Scheibe zu beobachten. Jemand wirft mal eine Handvoll Futter hinein und die Zuschauer haben ihren Spaß, wenn sie zusammenströmen, um ihren Teil zu ergattern. Einige Fischchen saugen sich an der Scheibe fest und es ist lustig, in ihre Mäuler zu schauen. Manchmal kann man sie auch von außen erschrecken. Die Gesellschaft blickt in das Aquarium und gibt Kommentare zu den Fischen ab. Sie hören ja nicht. Und vor allem: sie sind stumm.
Das Wort haben die Zuschauer im Trockenen, diesseits der Scheibe. Sie reden mit diesem Aquariumsblick über die Unterschicht: Man soll ihnen Gutscheine geben, meint einer. Zusätzliches Geld wird bei denen doch nur versoffen, ein anderer zu. Für fünf Euro würde ich jederzeit arbeiten gehen, bemerkt ein dritter.
Öffne deinen Mund für den Stummen, für den Rechtsanspruch aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht und schaffe Recht dem Elenden und Armen!, heißt es in den Sprüchen Salomos in einer Anweisung für Regierende. Was die Bibel denen ins Stammbuch schreibt, ist erstaunlich.
Sprecher: Nicht für Könige gehört es sich Wein zu trinken, noch für Würdenträger zu fragen: Wo ist Rauschtrank? Sonst trinkt einer und vergisst, was vorgeschrieben ist, und verdreht den Rechtsanspruch aller Elenden. Gebt Rauschtrank dem Verlorenen und Wein denen mit verbitterter Seele! Ein solcher mag trinken und seine Armut vergessen und an seine Mühsal nicht mehr denken. Öffne deinen Mund für den Stummen, für den Rechtsanspruch aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht und schaffe Recht dem Elenden und Armen!
Das ist sicher nicht die Aufforderung, Menschen in ihrem Elend an die Flasche zu bringen. Um Verständnis und Großzügigkeit wird hier geworben. Den Elenden kann man es nicht verdenken, wenn sie sich berauschen, um ihre Mühsal zu vergessen. Zeigt ihr hinter eurer Scheibe nicht mit verächtlichem Finger auf sie. Wechselt die Perspektive. Schaut euch das Leben aus der Sicht derer an, die nicht im Trockenen stehen. Dann werdet ihr einiges anders sehen.
Ob die Armen nüchtern bleiben, ist nicht das Thema. Verdreht ihre Ansprüche nicht und sorgt ganz nüchtern dafür, dass sie ihr Recht bekommen. Das ist das Thema. Und mit Recht meint die Bibel immer: das Recht jedes Menschen auf ein würdiges Leben. Gerechte Beteiligung an den Aufgaben und Gütern. Ich höre diese Einschärfung mit spitzen Ohren in einer Zeit, in der Rechtsansprüche immer mehr durch Charity ersetzt werden. Gesetzliche Leistungen werden gestrichen. Stiftungen und Fonds werden gegründet, Sponsoren gesucht. Gewiss, Wohltätigkeit ist eine schöne Sache. Aber wie sieht es auf der anderen Seite aus? Bei jenen, die sich immer mehr in der Rolle von Bittstellern und Hilfeempfängern sehen?
Öffne deinen Mund für ihren Rechtsanspruch, sagt die Bibel. Wohltätigkeit sollte nur eine vorübergehende Notlösung sein, aber keine Lösung für das Problem der Armut. Erst kommt ein menschengerechtes Recht. Dafür macht den Mund auf. Wohltätige Gaben dürfen dann gern obendrauf kommen wie die Sahne auf den Kuchen, von dem jeder sein Stück abbekommt.
"Öffne deinen Mund für den Stummen" (Sprüche Salomos 31,8)
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