Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.03.10, Pfarrerin Kerstin Hanke

Angeknackst

Über die richtige Art Eier zu köpfen, gibt es erbitterte Diskussionen. Der eine setzt das Messer an und zack, wird die Eikappe in einem Rutsch abgetrennt.

Die andere bevorzugt das stetig sanfte Klopfen der Schale, bis sie mit leisem Knacksen bricht.

Manchmal bekommt das Leben einen Knacks. Es ist ein haarfeiner Riss, der allmählich alles verändert. Hier eine kleine Delle, dort ein unmerklicher Sprung.  Der Knacks ist da und breitet sich aus. Und es ist schwer zu sagen, wann es eigentlich anfing. Denn da ist unsere Erinnerung merkwürdig unscharf. Um im Eierköpfbild zu bleiben. Da wo das Leben einschneidende Erlebnisse für uns bereithält, können wir Daten nennen. Der Tod der Mutter, die verrasselte Prüfung, die Scheidung, der Ortswechsel. Wir können es kalendarisch sichtbar beweisen. Das war da und da. Aber wo fängt ein Knacks an?  Wann hörte das Herz auf schneller zu schlagen, als man sich küsste. Wann war es nicht mehr wichtig, immer abends eine Gutenachtgeschichte vorzulesen? Wann hörte man  auf, sich auf seinen eigenen Geburtstag zu freuen? Ab wann interessierte es nicht mehr, wie es eigentlich Onkel Freddie ging? Etwas begann sich schleichend zu verändern und man merkt erst sehr viel später, dass es einen Verlust gegeben hat. Der  nicht mehr rückholbar ist. So sehr du dir das vielleicht auch wünschen magst. Und in der Rückblende wird einem dann erst klar, wie glücklich man vor diesem Knacks doch war. Es sind eben nicht immer die großen einschneidenden Erlebnisse, die uns verändern, es sind diese Risse, die uns müde und gleichgültig machen. Altern lässt, wie es Roger Willemsen in seinem Buch „Der Knacks“ beschreibt. Keiner kann den Haarrissen in seinem Leben entgehen. Sie sind längst schon da.

Seit Aschermittwoch leben wir in der Passionszeit. Es ist die Zeit, in der wir einen besondern Augenmerk auf diese Risse richten sollten. Die Bibel erzählt die Eckdaten von dem Knacks im Leben Jesu und seiner Freunde und Freundinnen. Wie er bejubelt wird, wie er durch einen Kuss verraten wird, wie er noch vor den Henkern und ihren Schergen seinen geradlinigen Weg nicht verlässt. Liebe die, die dich hassen. 

Wann fing das an, dass im engsten Freundeskreis einige nicht mehr an diesen Grundsatz glaubten. Wann begann es, dass einer glaubte, man müsse Jesus zu seiner eigentlichen Bestimmung zwingen. Notfalls in dem man eine Situation herbeiführte, in der er seine Macht zeigen musste. Wann gefiel es einigen Mächtigen nicht mehr, dass alle Kinder Gottes sein sollten?  Wann fühlten sich einige Fromme von der Botschaft eines auch den Sünder liebenden Gottes so sehr bedroht, dass sie diesen Zimmermann mundtot sehen wollten?

Jesus starb einen Foltertod. Dann kommt Ostern. Es ist der Tag, an dem Gott sein entschiedenes Nein sagt. Ein Nein zu allem, was unser Leben beschädigt, tötet, anknackst.  Daher ist eines der schönsten Ostersymbole ein Ei mit einer unbeschädigten, heilen Schale.

Audiobeitrag Angeknackst


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