Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.03.10, Pfarrerin Kerstin Hanke

Im Wunderland

„Du kannst nicht immer 17 sein“. Als Schlager lässt sich das leicht daherträllern, aber Hand aufs Herz, der 18. Geburtstag wird herbeigesehnt.

Vor 46 Jahren, am 22. März 1974, beschloss der deutsche Bundestag die Volljährigkeit von bis dahin 21 auf 18 Jahre zu senken. Seitdem sind wir vor dem Gesetz früher erwachsen, aber das Erwachsenwerden ist immer noch ein schwieriger, lebenslanger Prozess: Wer bin ich? Was will ich sein? Was werde ich sein?

Die Welt der Erwachsenen – sie ist voller Rätsel, birgt Abgründe und Gefahren. Und sie ist voller Wunder. Der englische Mathematiker Charles Dogson erzählt hinreißend witzig von den Identitätskrisen eines jungen Mädchen. Dogson ist besser bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Carroll. Und als solcher schickt er  seine Alice an einem heißen englischen Sommertag ins Wunderland.

Alice läuft ein weißes Kaninchen über den Weg.  Es zieht eine Uhr aus der Westentasche und murmelt etwas von zu Spätkommen. Neugierig geworden purzelt Alice durch den Kaninchenbau in eine Zerrwelt, in der sie merkwürdige Dinge erlebt und noch merkwürdigere Wesen trifft, die sich alle nach ihr völlig unverständlichen Regeln verhalten. Bei einer  Teeparty  ist es immer fünf Uhr, und sie beginnt ständig von vorn.

O-Ton: Du bist es.- Nein, ist sie nicht. Er hat uns die falsche Alice gebracht. Sie ist die falsche Alice. Du bist 100 prozentig Alice. Ich würde dich überall wieder kennen. Ich würde dich überall wieder kennen. ...Nun, wie du siehst, sind wir noch am Tee. Du bist schrecklich spät. Unartige!

Autorin: Jedes Wesen, was ihr im Wunderland begegnet stellt sie in Frage, macht sich über sie lustig und beweist ihr genüsslich ihre völlige Unwissenheit. Jede Nahrung lässt Alice entweder schrumpfen oder riesenhaft anwachsen. Riesengroß trifft sie die rote Königin, die Untergebenen gerne den Kopf abschlagen lässt. Die Wunderwelt – sie ist auch ein Albtraum.

O-Ton Alice im Wunderland: Königin: Was ist mit deinem Kleid?

Alice: Ich bin rausgewachsen. Ich bin wahnsinnig gewachsen in der letzten Zeit.. Alle lachen mich aus. Deshalb  kam ich zu Ihnen in der Hoffnung, Sie würden verstehen, wie das ist.

Königin: Meine Teuere, jeder mit einem so großen Kopf ist an meinem Hofe willkommen. Bringt ihr ein paar Kleider. Nehmt die Vorhänge. Wenn nötig. Aber kleidet dieses kolossale Mädchen!

Autorin: Alice Vorstellungen und Begriffe platzen an den Nähten auf, wie ihr zu kleingeratenes Kleid. Sie kann sich  weder auf ihren Verstand noch auf ihren Körper verlassen.  Am Ende ist sich sie nicht mehr sicher, wer sie eigentlich ist. - Und erwacht  - aus ihrem Traum. Lewis Caroll war der Sohn eines Pfarrers, studierte neben der Mathematik auch die Theologie und wurde zum Dekan geweiht. Gepredigt hat er selten, um so lieber erzählte er fantastische Geschichten. Alice ins Wunderland zu folgen – ob im Buch oder in der neusten Verfilmung auf der Kinoleinwand – ist bis heute reizvoll. Denn hinterher stellt sich die Frage, sind wir uns unserer Regeln, Erkenntnisse und Muster wirklich so sicher? Sind nicht auch andere Welten mit anderer Logik vorstellbar. Verbaue ich mir mit meiner „Erwachsenperspektive“ nicht die Erfahrungen von Wunderbarem, das höher ist als alle unsere menschliche Vernunft. So formuliert es die Bibel.

Audiobeitrag Im Wunderland


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