Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.03.10, Pfarrerin Antje Rösener

Lust auf den (Klima-) Wandel???

Mit Sprichwörtern ist das so eine Sache. Einerseits treffen sie den Nagel auf den Kopf. Andererseits kommen sie mir manchmal auch ein wenig einseitig vor.

„Der Mensch wächst an seinen Aufgaben“ - das ist so ein Wort, das ich seit vielen Jahren höre. Na klar, da ist was dran. Ich habe das auch schon erlebt und Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, vermutlich auch.

Guten Morgen! Mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin und arbeite als Theologische Studienleiterin im Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe. Erst steht man wie Ochs vorm Berg und weiß nicht vorwärts noch rückwärts. Wenn man sich aber an die Arbeit macht, die Aufgabe sortiert, sich Schritt um Schritt vorwärts bewegt, dann klappt es irgendwann doch. Am Ende schaut man zurück und staunt: Tatsächlich, es ging. Der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Eine der größten Aufgaben, die heute vor uns liegen, ist der Klimawandel.

Eine Aufgabe, die uns alle fordert: Jede und jeden Einzelnen und dazu die Wirtschaft, die Politik, die Forschung – hier in Deutschland und weltweit. Denn heute müssen die Weichen dafür gestellt werden, dass die Erderwärmung auf 2 Grad begrenzt wird - das ist inzwischen auch in Politik und Wirtschaft angekommen. Dies kann nur erreicht werden, wenn wir die Treibhausgas-Emissionen drastisch reduzieren - das lernen Kinder sogar der Schule.

Doch was heißt das konkret? Was heißt das für eine Großstadt hier in unserer Region? Zum Beispiel für eine Stadt wie Wuppertal, wenn wir bis zum Jahr 2050 die Treibhausgas Emmissionen um 80% senken müssen? In Wuppertal gibt es das Institut für Klima, Umwelt, und Energie. Professor Oscar Reutter forscht seit vielen Jahren zu diesem Thema. Seine Zahlen haben mich ganz schön geschockt:

O-Ton Dr. Oscar Reutter: Bei 80 % würde das zum Beispiel heißen, dass der Radverkehr, der heute unter einem Prozent in der Stadt Wuppertal daherdümpelt, gesteigert werden muss auf Größenordnung 10%, also verzehnfacht. Dass Busse und Bahnen und Schwebebahnen in Wuppertal ungefähr verdreifachen müssen ihren Wert und dass das Auto, das heute bei über 50% Anteil am Verkehrsgeschehen hat, ungefähr auf den Faktor 15 runtermuss.

Autorin: Der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Aber dass in einer Großstadt wie Wuppertal zehn mal so viel Rad gefahren wird wie heute – das ist schwer vorstellbar? Ich kenne Wuppertal und sehe all die Hügel vor mir, die Wuppertal umgeben? Ich kenne mich selbst, ich hasse Radfahren am Berg. Radfahren im Münsterland okay, Radfahren am Niederrhein – kein Problem, jedenfalls nicht für ein paar Kilometer, aber in Wuppertal, im Bergischen Land, im Wiehengebirge, in Wittgenstein?

Und diese Rechnung von Professor Reutter geht noch nicht einmal vom schlimmsten Fall aus: Denn sie setzt voraus, dass in der Stadt Wuppertal auch an anderen Stellen, z.B. in der Industrie, in den privaten Haushalten, in den Schulen und Kindergärten der Ausstoß von Kohlendioxid zurück geschraubt wird. Wenn das aber nicht der Fall ist, dann würde das bedeuten:

O-Ton Oscar Reutter: Stellen Sie sich mal vor, wenn alles sonst nichts geschähe, würde das ja bedeuten dass von 100 Autos 95 nicht mehr fahren dürften. Oder von 100 Kilometern mit dem Auto – wenn sonst nichts geschähe – 95 nicht mehr fahren dürften. Das ist die Größenordnung, um die es geht. Das heißt eine Stadt wie Wuppertal ist vor die Frage gestellt, müsste so eine Stadt nicht als autofreie Großstadt entwickelt werden? Sie können sich vorstellen, dass das eine völlig unbekannte Größenordnung ist. Es erfordert sehr viel Forschung auf allen Ebenen. Wir brauchen natürlich eine entschlossene Stadtpolitik, die sich diesem Ziel, für das ja nur noch 40 Jahre Zeit besteht, stellt über den Termin des nächsten Wahltags hinaus. Und es braucht Menschen, die das machen. Die sagen: Ja, ich fahre auch Rad. Ich gehe gern zu Fuß. Ich finde Schwebebahnfahren in Wuppertal schön.

Autorin: Menschen, die sagen, ja, ich finde das schön. Und zwar Menschen in der Politik, in der Wirtschaft, in der Forschung, in den Banken, in den Schulen und Häusern, die alle sagen: Ja, ich mache da mit. Denn ich finde das schön.  Ich kämpfe für diese Ziele, in meiner Partei, in meinem Betrieb. Ich warte nicht, bis der letzte aufs Rad gestiegen ist, sondern ich fange heute an. Ich fahre, wo auch immer es geht mit der Bahn, ich kaufe Ökostrom, selbst wenn er ein paar Cent mehr kostet, ich esse keine Erdbeeren mehr im Winter... und so weiter und so fort.

Puh! Wie soll das gehen? Können wir diese Aufgabe wirklich stemmen? Können wir daran wachsen?

O-Ton Dr. Oscar Reutter: Die Größenordnung der Aufgabe ist sicherlich kein Kleinkram, sondern eine Aufgabe, die eine ganze Generation umfasst und die auch weltweit miteinander geschultert werden muss. Es hilft ja nun nichts, wenn Deutschland allein zur Kohlendioxid Emmisionsminderung beiträgt, das müssen alle Nationen tun und dass das nicht einfach ist, das haben wir eben in Kopenhagen gesehen. Wobei Deutschland eines der weltweiten Vorreiterländer ist, was gute Erfolge zu verzeichnen hat und was die Basis gibt für eine gewichtige Stimme Deutschlands im Weltkonzert um das Ringen einer aktiven Klimaschutzpolitik.

Musik: Les cowboys tringants, CD: L´expédition, Track 13 Train de vie

Autorin: Menschen können an ihren Aufgaben wachsen oder verzweifeln. Christen haben – so glaube ich – recht gute Chancen, an den Aufgaben zu wachsen. Denn wir glauben, dass Gott uns ins Leben gerufen hat, um diese Erde zu bebauen und zu bewahren. Wir glauben, dass Gott uns bei allem, was uns an Aufgaben vor die Füße gelegt wird, nicht alleine lässt. Dass Gott uns Herz und Verstand, Augen und Ohren geschenkt hat, um tätig zu werden, wenn Gefahr droht.

Viele Christen wollen aber nicht nur den Zeigefinger erheben, sie wollen selbst mit guten Beispiel vorangehen. Bereits 1996 wurde errechnet, dass die evangelische Kirche und ihre diakonischen Einrichtungen in all ihren Häusern in Deutschland so viel Energie verbrauchen wie die Stadt Hannover. Wie viel Energie könnte man hier sparen – haben sich einige gedacht und ein großes Projekt ins Leben gerufen: Den grünen Hahn.

Das klingt niedlich, ist aber ein ausgefuchstes Umweltmanagementsystem. Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen können damit in kleinen Schritten ihren Energieverbrauch senken und Klimaschutzmaßnahmen etablieren. In vielen hundert Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen bundesweit kräht inzwischen der Grüne Hahn. Auch die ev. Kirchengemeinde in Dortmund-Wellinghofen ist mit von der Partie. Gesa Mund, Schatzmeisterin der Gemeinde erinnert sich, wie alles begann:

O-Ton Gesa Mund: Das erste große war eine Art Datenerfassung oder Erhebung, dass wir durch die beiden Gemeindehäuser durchgegangen sind und mit Hilfe von Erhebungsbögen alle möglichen Daten erfasst haben. Angefangen von Ölverbräuchen, Temperaturmessungen, Abfallbehandlungen, Wasserverbräuchen, Stromverbräuchen, und so was allem, daraus hat sich eine große Datensammlung ergeben, aus der man Schlüsse ziehen kann, wo es sinnvoll ist, Veränderungen einzuleiten

Autorin: Die gesamten Daten wurden dann mit Hilfe von Experten begutachtet und verglichen, um erste Energiesparmaßnahmen auf den Weg zu bringen. Doch Durchhaltevermögen braucht man schon. Denn natürlich hat auch diese Gemeinde in Dortmund-Wellinghofen nicht das Geld, alles auf einmal ökologisch zu sanieren. Mit neuen Fenstern im Gemeindesaal hat es begonnen, Schritt um Schritt geht es nun weiter. Gesa Mund und ihre Mitstreiterin Andrea Brückner setzen dabei auf dieselbe Karte: Sie hoffen, dass langfristig nicht nur das Klima profitiert:

O-Ton Andrea Brückner, Presbyterin: Wenn ich mir eine neue Heizung kaufe und dann ein Drittel von dem Öl oder Gas einspare, dann rechnet sich das ja auch, dann rentiert sich das innerhalb weniger Jahre. Man sollte nicht kopflos, einfach das Geld rausschleudern, sondern gucken, wo setze ich es sinnvoll ein und dann spart man ja auch langfristig.

Musik: Les cowboys tringants, CD: L´expédition, Track 10 Les hirondelles

Autorin: Jetzt in den Klimaschutz zu investieren, das rechnet sich am Ende für alle. Davon sind die Forscher  überzeugt. Denn die Folgekosten, die Dürrekathastrophen, Orkane, Überflutungen oder das stetig wachsende Ozonloch nach sich ziehen, werden eines Tages Unsummen verschlingen. Die kleine Gemeinde in Dortmund-Wellinghofen verwaltet zwei Kirchen, zwei Kindergärten, vier Pfarrhäuser und drei Gemeindehäuser. Da gibt es noch manches Fenster zu dämmen und manches Dach zu isolieren. Aber das Entscheidende ist nach Pfarrer Wolfgang Buchholz inzwischen erreicht: Die Aufgabe, bei allem mitzubedenken, was das für das Klima heißt.

O-Ton  Wolfgang Buchholz: „Es ist jetzt in der Leitungsverantwortung strukturell angekommen. Das ist schon ein Qualitätssprung.“

Autorin: Glückwunsch, kann man da nur sagen. Und vielleicht ein wenig zu träumen beginnen: Wenn das in ein paar Jahren überall so wäre. In allen Haushalten, in den Kommunen und Betrieben, bei den Großunternehmen genauso wie in den kleinen Klitschen? Wenn wir alle eines Tages sagen könnten: Dieses Thema ist strukturell angekommen. Diese Frage läuft einfach immer mit, wie ein roter...nein sagen wir, wie ein grüner Faden: Was bedeutet diese Entscheidung für das Klima? Wie können wir so wirtschaften, so leben, dass wir dabei die Umwelt schonen? Wenn dieser grüne Faden so selbstverständlich wird wie das Putzen der Zähne am frühen Morgen – dann wäre wirklich was passiert. Dann wären wir tatsächlich an dieser Aufgabe gewachsen.

Es verabschiedet sich von Ihnen Antje Rösener, Pfarrerin der evangelischen Kirche.

Musik: Les cowboys tringants, CD: L´expédition, Track 01 Les étoiles filantes

 

Audiobeitrag Lust auf den (Klima-) Wandel???


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