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Weiß ich den Weg auch nicht ( eg 650 )
Autor: Es stürmt vor den Gefängnismauern der Stadt Riga. Dunkle Wolken ziehen an den vergitterten Fenstern vorbei. In den überfüllten Zellen hocken die Gefangenen.
Stumpf vor sich hin dösend. Auf den Fluren hallen die Stiefel der Aufseher. Doch in den stürmischen Wind, der draußen an den Blättern der Bäume zerrt, mischt sich plötzlich ein Gesang, der von einer der Zellen nach draußen dringt:
Musik 1 / Strophe 3: Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich, das ist genug.
Autor: Marion von Kloth, so heißt die Frau, die durch ihren Gesang die Mitgefangenen tröstet. Wir schreiben das Jahr 1919. Nach dem ersten Weltkrieg und dem Abzug der deutschen Truppen hatten revolutionäre Kriegskomitees die Herrschaft in der Stadt Riga übernommen. Immer wieder kam es zu Hausdurchsuchungen und Metzeleien unter der Zivilbevölkerung. Auch Christen, so wie alle, die durch ihre Namen an den baltischen und deutschen Adel erinnerten, wurden inhaftiert. So auch Marion von Kloth, die in den Lazaretten die Soldaten versorgt hatte. Weil ihre Großmutter nicht fliehen konnte, war auch sie in Riga geblieben. Dort hatte man sie ins Zentralgefängnis gebracht.Als die baltische Landwehr wenig später Riga stürmte, waren viele Häftlinge ermordet. Unter ihnen auch Marion von Kloth. Den Trost, den sie in ihrem Glauben an Christus erhielt, hatte sie durch ihr Singen an andere Häftlinge weiter gegeben. So wurde das Lied, das sie abends in der Zelle gesungen hatte, in Lettland zum Märtyrerlied.
Musik 2 / Strophe3: Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich, das ist genug.
Sprecher: Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich, das ist genug.
Autor: Kennen gelernt hatte Marion von Kloth dieses Lied in den Gottesdiensten ihrer Kirchengemeinde in Riga. Dort hatte sie auch die biblische Geschichte der Sturmstillung gehört, die von dem Mann erzählt, der weiß, woher der Wind so stürmisch weht und ihm gebietet:
Sprecherin: Und es begab sich an einem Tag, dass Jesus in ein Boot stieg mit seinen Jüngern; und er sprach zu ihnen: Lasst uns über den See fahren. Und sie stießen vom Land ab. Und als sie fuhren, schlief Jesus ein. Da kam ein Sturm über den See und die Wellen überfielen sie, und sie waren in großer Gefahr. Da traten sie zu Jesus und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Da sagte er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen. Warum seid ihr so furchtsam? Und er stand auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legten sich, und es entstand eine große Stille. (Lukas 8, 22-25)
Autor: In Todesangst leben zu müssen. Nichts tun zu können. Ohnmächtig einfach nur warten zu müssen. So hatten es die Jünger Jesu in der biblischen Sturmgeschichte erlebt. In ihrer Angst waren sie zu Jesus gegangen. Durch das Vertrauen zu seinem himmlischen Vater hatte er, mitten im Sturm eine wunderbare Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt.
So hatten es auch die Gefangenen in Riga erlebt. Das Gottvertrauen und der Gesang einer Frau hatte ihnen wenn auch nur für kurze Zeit - Stille und Frieden geschenkt.
Musik 1 / Strophe 1: Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ists doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, seis spät, seis früh.
Autor: Kriegszeiten sind stürmische Zeiten nicht nur damals in Lettland. Nach dem ersten, erschütterte der Zweite Weltkrieg Europa. Gott sei Dank, sind diese Zeiten vorbei. Doch auch wenn ein Krieg zu Ende geht, bleiben Ängste und Sorgen. In vielen Familien fehlte nach dem Krieg der Ehemann und Vater für die Kinder.
Was das für Mütter und Kinder bedeutete und wie tröstlich dann ein Lied sein konnte, weiß Hanna Krüger noch heute zu erzählen.
O Ton: Und als der Krieg nun zu Ende war, wurde mein Vater von den russischen Soldaten mitgenommen und nach Sibirien verschleppt. Und als wir nun. Meine Mutter und wir fünf Mädchen, die Nachkriegsjahre dort allein erlebt haben, haben wir viel Angst ausgestanden. Meine Mutter war eine tiefgläubige Frau. Und sie hat dann mit uns fünf Kindern abends zusammen gesessen und da haben wir so gerne das Lied gesungen: Weiß ich den Weg auch nicht. Du weißt ihn wohl. Das macht die Seele still und friedevoll.
Musik 2 / Strophe 1: Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ists doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, seis spät, seis früh.
Sprecher: Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ists doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, seis spät, seis früh.
Autor: Einer muss wissen, wo es lang geht. Einer muss sich auskennen. Jemand, der zuverlässig ist, vertrauenswürdig. Dann kann man sich nicht nur abends ruhig schlafen legen. Wer unterwegs ist und Gott und ein Lied als treue Begleiter hat, der bekommt auch Mut, aufzubrechen zu neuen Ufern und unbekannte Wege zu gehen.
O Ton: Und dann sind wir zu Fuß nach Schlave gegangen. Einen Rucksack voll Gepäck war alles, was wir noch so hatten. Dort sind wir in einen Güterzug eingestiegen. Und dann sind wir bei Nacht und Nebel über die Grenze gegangen hier nach Westdeutschland. Dort haben wir neu angefangen. Wir haben mehrere Jahre in Schwerte gelebt. Ich habe dort geheiratet. Meine Kinder sind dort geboren. Und es gab viele Schwierigkeiten zu bestehen. Und immer wieder habe ich dieses Lied gerne gesungen, das mir neuen Mut gegeben hat, weiterzumachen und fröhlich meine Straße zu ziehen.
Instrumentalmusik
Autor: Das Lied, von dem Hanna Krüger seit ihrer Kindheit begleitet wird, hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren. Es ist vielleicht für uns kein Märtyrerlied mehr so wie damals im Gefängnis in Riga. Aber ein Trostlied ist es immer noch. Und ein Mutmachlied, denn es richtet unseren Blick ganz weit nach vorne in die Zukunft.
O Ton: Ich singe das Lied auch heute noch sehr gerne. Und inzwischen bin ich nun 85 Jahre alt geworden. Und bin auf Hilfe angewiesen und da bedeutet mir das Lied auch ganz viel. Dass ich da auch so im Vertrauen auf den Vater im Himmel meinen Weg gehen kann. Und ich freue mich auf die ewige Heimat.
Musik 2 / Strophe 2: Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit, dein Plan ist fertig schon und liegt bereit. Ich preise dich für deiner Liebe Macht, ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.
Musikinformationen:
Weiß ich den Weg auch nicht Musik 1) Text: Hedwig von Redern; Komp. John Bacchus Dykes (1823 1876) Aus: Die Wunschlieder CD 1, Track 6, ERF Studiochor (Leitung: Gerhard Schnitter) ERF Verlag GmbH & Co. 58426 Witten, LC 06314
Musik 2) Text: Hedwig von Redern; Melodie: John Bacchus Dykes (1823 1876) Satz: G. Schnitter, Das Solistenensemble G. Schnitter, Hänssler Verlag, 71087 Holzgerlingen Track 8, Hänssler Verlag, 71087 Holzgerlingen, LC 07224
Weiß ich den Weg auch nicht ( eg 650 )
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