Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.03.10, Pastor Christoph Neumann

Erlöste Menschen

„Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Gott glauben sollte“. So hat der Philosoph Friedrich Nietzsche einmal gesagt.

Nun weiß ich zwar nicht, wie sich Nietzsche, der ja nicht gerade ein Freund des christlichen Glaubens war, einen erlösten Menschen vorgestellt hat, aber ich stelle mir unter einem erlösten Zeitgenossen einen fröhlichen und befreiten Menschen vor. Denn Christen glauben an einen erlösenden Gott. In vielen Geschichten der Bibel wird davon erzählt, wie Gott sein Volk erlöst: Als er das Volk Israel aus der Gefangenschaft führte in die Freiheit. Da konnte das Volk nicht anders, als Lieder zu singen und zu tanzen.

Deshalb werden im Gottesdienst Israels die Menschen immer wieder aufgefordert, ihre Freude zum Ausdruck zu bringen. Besonders in den Liedern der Bibel, den Psalmen. Da werden die Menschen aufgefordert, Gott mit Schlagzeug und Tanzen zu loben. Im Gegensatz dazu waren Schlagzeug und Tanzen jedoch lange Zeit für viele Christen kein geeignetes Mittel, um Freude an Gott zum Ausdruck zu bringen. Dabei gibt es in der Bibel sehr prominente Beispiele für erlöste Menschen. Zum Beispiel David, der –so wird überliefert - auch viele Lieder der Bibel geschrieben hat und sich auf Musik verstand.

Nach vielen Kämpfen, nach schwierigen Zeiten und leidvollen Erfahrungen war David nun König geworden und hatte sich Jerusalem als Regierungssitz ausgesucht. Dass alles so einen glücklichen Verlauf genommen hatte, lag für David an Gott, der ihnin allen Belangen unterstützt hat. Damals stellte man sich die Gegenwart Gottes in der sogenannten Bundeslade vor. In diesem Kasten lagen die zehn Gebote, die Gott Mose gegeben hatte, als Begleitung im Leben. Kein Wunder, dass David diese Bundeslade in einem Umzug zu einem großen Festgottesdienst an den neuen Regierungssitz brachte.

Auf dem Weg dorthin wird David so von der Freude über Gott gepackt, dass er anfängt zu hüpfen und zu tanzen und um die Bundeslade herumspringt. Dass sich ein König bei bestimmten Zeremonien in aller Öffentlichkeit so ausgelassen benahm, war eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch für einige seiner Zeitgenossen ziemlich peinlich. Auch für seine eigene  Frau Michal. Die beobachtete nämlich das ganze Spektakel von ihrem Fenster aus. König David jedoch gewann gerade durch diesen Auftritt unter dem Volk große Sympathien, während seine Frau Michal das Nachsehen hatte.

Mir scheint, die biblische Geschichte vom tanzenden David bestätigt das Urteil Nietzsches. Vielleicht würden mehr Menschen Sympathien für den befreienden Gott der Christen empfinden, wenn unsere Gottesdienste fröhlicher wären und die Freude über die Erlösung Gestalt annehmen könnte. Dabei kann uns die Geschichte von dem tanzenden David im wahrsten Sinne des Wortes auf die Sprünge helfen:

Ich besuche ein älteres Ehepaar meiner Gemeinde. Kurz zuvor waren sie im Urlaub in Israel gewesen. Da erzählt mir die Frau: „Stellen Sie sich vor: zum ersten Mal, seit ich meinen Mann kenne, hat er getanzt. Aber nicht mit mir. Sondern mit Männern. Zu der Zeit, als wir in Israel waren, feierte man Simchat Thora. Dieser Feiertag erinnert daran, dass König David mit der Bundeslade nach Jerusalem ging. An diesem Tag wird die Thorarolle im Gottesdienst herumgetragen. Und die Männer tanzen um die Thora herum, wie kleine Kinder.

Das war eine ganz neue Erfahrung in unserer Ehe. Und vielleicht tanzt mein Mann ja auch mal mit mir“

Audiobeitrag Erlöste Menschen


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