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Abschiedsbrief
Autor: In Deutschland gibt es jährlich 4.100 Unfalltote. Das meldet das Statistische Bundesamt. Eine nackte Zahl.
Doch hinter dieser Zahl verbergen sich 4.100 Einzelschicksale. Im Schnitt sind es elf Menschen täglich, die so urplötzlich aus dem Leben gerissen werden. Von einigen kann eine Kollegin erzählen. Pfarrerin Wibke Janssen ist Notfallseelsorgerin und wird immer wieder zu Unfällen gerufen, bei denen Menschen ums Leben gekommen sind. Sie kennt das ohnmächtige Gefühl, auf der Straße neben einem Toten zu stehen
O-Ton:
weil es immer erschreckend ist, wie schnell ein Leben vorbei sein kann und der Schock, den empfindet man selbst als Notfallseelsorgerin., Wobei das eigentlich Schwierige ist, der Schritt, der dann folgt: Die Angehörigen, die Menschen, für die dieser Tote ganz wichtig war, dass man die informieren muss, dass man ihnen das mitteilen muss.
Autor: Früher hat das die Polizei gemacht. Heute bitten die Einsatzkräfte zunehmend, dass Notfallseelsorger die Aufgabe übernehmen, Menschen diese schreckliche Nachricht zu überbringen.
O-Ton: Und dann klingelt man. Das können natürlich ganz zivile Zeiten sein, morgens um elf. Das kann, das habe ich aber auch schon erlebt, nachts um vier sein. Und dann kann alles passieren, also von Erstarrung bis Schrei, bis völliges Chaos, alles. Und dann geht es darum, überhaupt das erst einmal auszuhalten und da zu sein.
Autor: Sie schweigen zusammen, sie reden, sie beten, erzählt Pfarrerin Janssen. Das Schlimmste sind
O-Ton: Diese plötzlichen Tode durch Unfall (
) die haben natürlich immer so wie so ein Blitzeinschlag, wie so ein Schock eben. Für die Angehörigen heißt das in der Konsequenz, dass sie ganz viel nicht mehr regeln können oder ansprechen können, was man in einem anderen Fall, wenn man weiß, jemand hat nicht mehr lange zu leben, vielleicht doch noch ansprechen kann.
Autor: Notfallseelsorgerin Wibke Janssen hat viele solcher Einsätze hinter sich. Sie hinterlassen auch bei ihr Spuren. Sie hat darüber nachgedacht und dann für sich etwas Wichtiges entschieden: Sie hat für ihren Mann und ihre drei Kinder einen Abschiedsbrief geschrieben, einen Liebesbrief:
O-Ton: In dem ich einfach noch mal schreibe, wie wichtig sie mir waren. Wie viel Freude sie mir bereitet haben. Und diese drei Kinder, die ich geboren habe, wie entscheidend das für mich gewesen ist, wie tief sie in meinem Herzen sind und schon, das ist nun auch mein Glaube und meine Überzeugung, dass ich natürlich nicht weg bin, wenn ich sterbe, so diese Dinge, habe ich da rein geschrieben, auch für meinen Mann.
Autor: Dieser Brief liegt bei ihr zuhause, verschlossen in der Nachttischschublade. Er muss hoffentlich nie geöffnet werden. Aber es ist gut, dass es ihn gibt.
Abschiedsbrief
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