Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.02.10, Pfarrer Frank Küchler

Liebe dich selbst

Religion ist eine zwiespältige Angelegenheit. Sie kann den Menschen nützen, dem Leben dienen. Aber sie kann auch schaden.

Schädlich ist sie, wenn sie Menschen davon abhält, ein positives Verhältnis zu sich selbst zu entwickeln. Wenn sie Menschen daran hindert, sich selbst zu mögen.

Zwar heißt es in der Bibel „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Und alle sagen sofort: klar, Liebe zu Gott, Liebe zu anderen Menschen – das ist es doch, worum es im christlichen Glauben vor allem geht. Doch das „wie dich selbst“ – diese drei Wörtchen, die fallen oft hinten runter. Dem entspricht, dass ich als Seelsorger von vielen Menschen gehört habe: so einfach ist das mit der Selbstliebe gar nicht. Was macht es also schwer?

Es gibt gewiss verschiedene Ursachen. Eine Ursache liegt wohl darin, dass Selbstliebe oft ganz automatisch mit Egoismus gleich gesetzt wird. Selbstliebe wird damit von vielen Menschen negativ bewertet. Dass das so ist, dafür ist auch die christliche Tradition mit verantwortlich. Christlichen Theologen war es durch die Jahrhunderte immer klar, dass Menschen dazu neigen, ihr eigenes Wohl auf Kosten anderer durchzusetzen. Aber muss man deshalb das Kind mit dem Bade ausschütten und die Selbstliebe gleich verteufeln?!

Mir ist es wichtig, Egoismus und Selbstliebe, genau zu unterscheiden. Egoismus, darunter verstehe ich eine Ich-Zentriertheit, die den Mitmenschen aus dem Blick verloren hat. Von Gott ganz zu schweigen. Der Egoist kreist nur um sich selbst und ist permanent mit sich selbst beschäftigt. Aber bedeutet das auch schon, dass der Egoist sich liebt, im eigentlichen Sinn des Wortes? Überhaupt nicht! Ständig um sich selbst zu kreisen, das hat wenig mit Liebe zu tun. Das kann ganz leicht zu einer wirklichen Last werden. Und kann Menschen verdammt einsam machen.  Also: Egoismus tut nicht gut. Im Gegenteil, er kann uns sogar zerstören. Und die Beziehungen zu unseren Mitmenschen gleich mit!
 
Ich rechne damit, dass viele Menschen genau aus diesem Grund Egoisten sind oder geworden sind: nämlich,  weil es in ihrem Leben an guten Beziehungen zu anderen und damit auch anLiebe gemangelt hat. Auch an Liebe, die sie sich hätten selbst entgegenbringen können. Wer nur um sich selbst kreist, der ist doch in Wahrheit gefangen. Der hat gar nicht die Freiheit, den Mut und die Phantasie, die es dem wahrhaft Liebenden möglich macht, liebe-voll zu handeln!

Ich möchte gerne einen positiven, biblisch begründeten Begriff von „Selbstliebe“ entwickeln und damit von einer negativen Bewertung der Selbstliebe wegkommen. Das geht am besten, wenn man sich überlegt, was denn eigentlich „Liebe“ im Wesentlichen ist. Biblisch gesehen ist „Liebe“ schlicht das, was man einem anderen Gutes tut. Sich selbst zu lieben hieße dann: sich selbst etwas Gutes tun. Oder auch umgekehrt: das zu lassen, was einem nicht gut tut.

Was das genau ist? Das, liebe Hörerinnen und Hörer, überlasse ich Ihrer liebevollen Phantasie! Das wissen Sie selbst für sich sowieso am Besten! Ich weiß nur: wo die eigene Religion einen hindert, sich selbst etwas Gutes zu tun, da stimmt was nicht mit der Religion.

Darum ist es gut, wachsam zu bleiben und genau hinzusehen. Religion soll dem Leben dienen. Wo sie dem Leben schadet, muss sie kritisch hinterfragt werden. Der Maßstab ist die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. 

Audiobeitrag Liebe dich selbst


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