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Gottesvergiftung
Religion ist eine zwiespältige Angelegenheit. Sie kann den Menschen nützen, dem Leben dienen. Aber sie kann auch schaden.
Schaden tut sie, wenn sie in der Erziehung von Kindern missbraucht wird. Davon schrieb Tilmann Moser in den 70er Jahren eindrucksvoll in seinem Buch Gottesvergiftung. Das Buch ist in der Form eines Gebetes geschrieben. Jedenfalls redet Tilman Moser Gott direkt an. Die Vorwürfe, die er gegen Gott erhebt, die klingen mitunter hart. Manch einer mag das als gotteslästerlich empfinden. Aus Mosers Worten sprechen Wut, Enttäuschung, Trauer und sogar Hass.
Sprecher: Weißt du, was das Schlimmste ist, das sie mir über dich erzählt haben? Es ist die tückisch ausgestreute Überzeugung, dass du alles hörst und alles siehst, und auch die geheimsten Gedanken erkennen kannst. Du haustest in mir wie ein Gift, von dem sich der Körper nie befreien konnte. Du wohntest in mir als mein Selbsthass. Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit, als mein Körper und meine Seele klein waren. In der Kinderwelt sieht das dann so aus, dass man sich elend fühlt, weil du einem lauernd und ohne Pausen des Erbarmens zusiehst und zuhörst und mit Gedankenlesen beschäftigt bist.
Autor: Gott sieht alles, weiß alles, hört alles. Er kann die Gedanken der Menschen lesen und hat stets den Überblick. Er ist der perfekte Überwacher. Ihm entgeht nichts. Big brother is watching you der Roman mit dem Titel 1984 von George Orwell fällt mir hier unweigerlich ein. Gott als Big brother, dem nichts entgeht und dem man auch nicht entfliehen kann. Scheußlich! Aber auch traurig, dass Tilman Moser Gott so kennen lernen musste! Schade, dass sich in seinem Erleben das freundliche Gesicht Gottes für ihn in eine hässliche Fratze verwandelt hat.
Erstaunlich für mich ist aber, dass Moser sich mit seiner ganzen Enttäuschung eben doch wie in einem Gebet Gott zuwendet und ihn direkt anspricht. Hier folgt Moser ob absichtlich oder zufällig- im Grunde der Tradition biblischer Psalmen. In diesen Gebeten, die uns in der Bibel überliefert sind, sprechen Menschen auch mit Gott, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Auch sie konfrontieren Gott hart mit ihrem Elend. Klagen Gott ihr Leid. Sie schreien Wut und Enttäuschung heraus. Fordern Gott heraus und sortieren nicht vorher wohl abgewogen ihre Gedanken. Doch in aller Klage, ja in sogar in tiefster Verzweiflung wollen sie Gott nicht loslassen, sondern erhoffen von ihm die Rettung.
Es ist gut, dass Tilman Moser damals dieses Buch veröffentlicht hat. Dass er so persönlich und schonungslos offen darüber geschrieben hat, was passiert, wenn Kinder Gott als den kennen lernen, der alles kontrolliert und sieht. Der meine geheimsten Gedanken liest. Vor dem es keinen privaten, intimen Bereich gibt. Ich bin sicher, dass Tilman Moser mit seinem Buch manchen Menschen einen guten Dienst erwiesen hat. Menschen, die ähnlich wie er, durch ihre religiöse Erziehung Schaden genommen haben. Denen als Kinder Gott als allgegenwärtiger Erziehungshelfer eingetrichtert wurde, und die sich dagegen ja nicht wehren konnten.
Das Buch zeigt auch mit wünschenswerter Deutlichkeit, welche Verantwortung wir als Eltern haben, wenn wir unseren Kindern von Gott erzählen. Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war diesen Satz setzte Tilman Moser als Motto über sein Buch. Ich bin sehr froh, dass ich auf meinem Lebensweg schon früh einen freundlichen Gott kennen gelernt habe, der es gut mit mir meint und bei dem ich mich geborgen und wohl behütet fühlen konnte.
Wo aber Erziehungspersonen, denen Kinder anvertraut sind, Gott für ihre erzieherischen Zwecke missbrauchen, da stimmt etwas nicht mit der Religion.
Darum ist es gut, wachsam zu bleiben und genau hinzusehen. Religion soll dem Leben dienen. Wo sie dem Leben schadet, muss sie kritisch hinterfragt werden. Der Maßstab ist die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst.
Gottesvergiftung
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