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Nicht mehr leben wollen
Religion ist eine zwiespältige Angelegenheit. Sie kann den Menschen nützen, dem Leben dienen. Aber sie kann auch schaden.
Schaden tut sie, wenn sie dazu benutzt wird, Menschen zu verurteilen. Zum Beispiel Menschen, die in seelische Untiefen geraten sind und sich aus Verzweiflung das Leben nehmen.
Das war lange Zeit in der Kirche so. Menschen, die sich selbst das Leben genommen haben, wurden bis in das vergangene Jahrhundert hinein nicht kirchlich bestattet.
Ein Grund mehr, heute deutlich zu machen, dass die Kirche auf der Seite derer steht, die in den Augen mancher Frommer verdammt sind.
Vor einiger Zeit machten wir in unserer Stadt den Angehörigen von Menschen, die sich selbst das Leben genommen hatten, ein Angebot. Denn für die, die nach dem Selbstmord eines lieben Menschen zurückbleiben, ist es ein hartes Stück Arbeit, mit diesem Schicksalsschlag zurecht zu kommen.
Wir luden also zu einem Gedenkgottesdienst ein. Die Idee war, einen Ort zu schaffen. Einen Ort, an dem jeder mit seinem Schmerz, mit Wut und Trauer sein konnte und an dem auch etwas miteinander geteilt werden konnte. Es war eine bewegende Veranstaltung.
Auch ein Text von Franz Kafka wurde gelesen. Er heißt: Der Aufbruch. Nirgends fand ich das Lebensgefühl, die Not eines Menschen, der so müde vom Leben geworden ist, dass er nicht mehr leben möchte, besser verdichtet als in dieser kleinen Geschichte von Franz Kafka.
Sprecherin: Ich befahl, mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen. Ich fragte ihn, was das bedeutet. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: Wohin reitest du, Herr? Ich weiß es nicht, sagte ich. Nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen. Du kennst dein Ziel also nicht? fragte er. Ja, antwortete ich, ich sagte es doch, weg von hier, das ist mein Ziel. Du hast keinen Essvorrat mit, sagte er. Ich brauche keinen, sagte ich. Die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Essvorrat, das ist das, wovon wir leben. Nicht nur das Brot , das wir essen. Sondern alles, was uns am Leben hält. Was wir auf unserer Lebensreise brauchen, um unseren Weg gehen zu können. Unser Reiseproviant auf dem Weg durch das Leben. Wovon leben wir im Wesentlichen? Diese Frage wird jeder und jede von uns ein wenig anders beantworten, liebe Hörerinnen und Hörer. Ich sage: ich lebe von der Liebe, die mir andere Menschen, aber auch ich selbst mir entgegen bringe. Verlässliche menschliche Beziehungen, Freunde, die es gut mit mir meinen und mich so nehmen, wie ich nun einmal bin. Mit meinen Macken und Zacken. Das ist für mich der beste Reiseproviant.
Freilich: aus christlicher Sicht ist das Leben immer ein Geschenk, etwas Wertvolles. Gott sagt ja zum Leben, zu meinem Leben. Sagt auch ja zu mir als einem einzigartigen Menschen. Wer sich selbst das Leben nimmt, der sagt definitiv nein zu sich selbst und nein zum Leben. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Und es ist obendrein sehr traurig.
Aber niemandem steht es zu, darüber von außen ein Urteil zu fällen. Auch nicht den Frommen. Wo das dennoch geschieht, da stimmt was nicht mit der Religion.
Darum ist es gut, wachsam zu bleiben und genau hinzusehen. Religion soll dem Leben dienen. Wo sie dem Leben schadet, muss sie kritisch hinterfragt werden. Der Maßstab ist die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst.
Nicht mehr leben wollen
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