| |
No photo
No photo! No photo! Die alte Frau winkt heftig mit der Hand. Sie steht neben dem Grab Jesu am heiligsten Ort der Christenheit: der Grabeskirche zu Jerusalem.
Dort hütet das Mütterchen eine kleine Nische. In ihr brennen Dutzende von Kerzen und tauchen die Ikonen in ein stimmungsvolles Licht. Ein wundervolles Motiv. Mein Mitreisender zückt die Kamera wie schon viele hundert Male in den letzten Tagen. Doch bevor er abdrücken kann, schreitet die alte Frau ein: No photo! Der Ort ist ihr zu heilig zum Fotografieren.
Und da passiert es. Scheinbar nimmt der Reisegefährte die Kamera zur Seite. Dann spielt er unauffällig an dem Apparat herum. Irgendwann drückt er beiläufig auf den Auslöser. Er hat das Mütterchen überlistet. Glaubt er. Aber sie stürmt auf ihn zu und klagt ihn an: I see. You make photo. I see! Er leugnet. No, I made no photo. Aber sie lässt sich nicht abspeisen. Sie hat ihn durchschaut. Auch wenn er es noch zweimal beteuert: No, I did not make a photo! Fünf Meter von Jesu Grab entfernt hat er gelogen. Ich muss an die Worte von Jesus denken, die er zu Petrus sagte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. (Matthäus 26,34)
Eine Woche lang habe ich das Heilige Land bereist. Mit einer Pilgergruppe bin ich an den Orten Jesu gewesen: in Bethlehem, Nazareth, am See von Genezareth und in Jerusalem. Und ständig haben wir unsere kleinen Fotoapparate gezückt. Ein Mosaik. Ein Dorf am Hang. Eine Ruine. Ein malerischer Priester. Alles wurde von dreißig hungrigen Kameras verschlungen.
Unser Führer nahm es mit Humor. Seine Erklärungen mussten warten, bis alle mit dem Knipsen fertig waren sonst hatte er keine Chance. Was haben die Touristen bloß gemacht, bevor die Digitalkameras kamen?, fragte er lachend. Früher hat der Preis der Filme die Bildergier eingeschränkt. Aber seitdem der Klick nichts mehr kostet, sind alle Hemmungen gefallen.
Irgendwann kam mir die Frage: Woher kommt eigentlich dieser Zwang zum Knipsen? Warum diese hektische Suche nach dem schönsten Motiv? Und das bei einer Reise, die doch einem religiösen Zweck dienen soll: das Land Jesu kennen zu lernen. Sich auf den Gottessohn einzulassen. Eine tiefere Beziehung zu diesem Jesus zu finden. Was trieb uns in den Fotorausch und einen von uns sogar zu der Lüge in der Grabeskirche?
Wollten wir die flüchtigen Eindrücke festhalten? Wollten wir den Freunden zu Hause etwas zeigen können von unserer besonderen Reise? Oder war es einfach ein Gruppenzwang, dem sich irgendwann keiner mehr entziehen konnte?
In der Grabeskirche erzählte unser Führer von der Kaiserin Helena. Sie war die Mutter von Konstantin, dem ersten christlichen Kaiser von Rom. Auf der Suche nach Reliquien hatte sie in Jerusalem graben lassen. Nach der Legende fand sie das Kreuz, an dem Jesus gestorben war, und auch sein Grab. Sie ließ die Grabeskirche erbauen und nahm einen Teil des Kreuzes mit nach Rom.
Da wurde mir klar, warum wir die Fotos machten. Sie sind unsere Reliquien. Unsere Erinnerungsstücke an die religiösen Orte. Mit den Bildern versuchen wir, das Heilige mit nach Hause zu nehmen. Im virtuellen Zeitalter brauchen wir kein Holz oder keinen Knochen mehr. Den Glauben kann man schließlich auch nicht anfassen. Aber eigentlich auch nicht fotografieren.
No photo
|