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Moderne Sklaven
Religion ist eine zwiespältige Angelegenheit. Sie kann den Menschen nützen, dem Leben dienen. Aber sie kann auch schaden.
Schaden tut sie, wenn sie dazu benutzt wird, Menschen für unrein zu erklären und sie damit auszugrenzen. Solche Ausgrenzung hat es auch zur Zeit Jesu in Israel gegeben. Er hat im Namen Gottes dagegen protestiert, sich auf die Seite der Ausgegrenzten gestellt und sich mit ihnen solidarisch erklärt. Dafür hat er mit seinem Leben bezahlt.
Ausgrenzung aus religiösen Gründen, die gibt es freilich auch heute noch! Zum Beispiel in Indien. Dort leben ungefähr 260 Millionen Menschen, die zur so genannten Kaste der Unberührbaren gehören. Selbst nennen sie sich Dalits. Sie haben Berufe, bei denen sie mit Müll, Dreck oder Tod in Berührung kommen. Solche Arbeiten gelten als unrein. Und wer sie verrichtet, konsequenter Weise auch.
Viele Menschen aus dieser Kaste der Unberührbaren müssen ihre Kinder zur Arbeit schicken, weil die Familien arm und meist auch hoch verschuldet sind. So kommt es auch, dass viele Kinder unter 18 Jahren für einen Wochenlohn von umgerechnet drei Euro in Granitsteinbrüchen arbeiten. Sie leben weit weg von ihren Familien, direkt auf dem Gelände der Steinbrüche in einfachen Strohhütten. Sie sind moderne Sklaven.
Uns hier in Deutschland muss dieses Unrecht deshalb interessieren, weil ein großer Teil der Grabsteine, die für deutsche Friedhöfe bestimmt sind, aus eben diesen Grraniotsteinbrüchen kommt. Die Importware aus Fernost hat den heimischen Stein fast vollständig verdrängt. Denn sie ist trotz des langen Transportweges konkurrenzlos kostengünstig. Der Steinmetz hier bei uns schlägt nur noch die Inschrift in den Grabstein. Der wird ihm bereits fertig gesägt und poliert angeliefert.
Schon seit einigen Jahren macht das Hilfswerk Misereor auf dieses Unrecht aufmerksam. Benjamin Pütter, der Kinderrechtsexperte von Misereor macht deutlich: Kinder, die schutzlos dem Steinstaub ausgesetzt sind und jeden Tag dermaßen hart arbeiten, haben eine Lebenserwartung von fünfunddreißig Jahren. Der Steinstaub ruiniert ihre Lungen.
Erfreulich ist, dass jetzt auch eine Gruppe von Steinmetzen aus Freiburg diesem Unrecht etwas entgegensetzen will. Gemeinsam mit Misereor hat diese Gruppe von Handwerkern ein Gütesiegel geschaffen. Xertifix ist sein Name. Es zeigt dem Kunden, dass ein Grabstein, der dieses Zertifikat hat, fair gehandelt ist und nicht durch Kinderarbeit hergestellt wurde.
Erfreulich ist auch, dass einige indische Händler sich unter dem wachsenden Druck aus Deutschland inzwischen bereit erklärt haben, Kontrolleure in die Steinbrüche hinein zu lassen, die ansonsten kaum für Fremde zugänglich sind. Verständlich, denn sie haben ja auch etwas zu verheimlichen! Schließlich ist ja auch in Indien Kinderarbeit grundsätzlich illegal und wird mit Gefängnisstrafen bedroht. Nur wird dieses Recht gerade in den entlegenen Provinzen kaum oder gar nicht umgesetzt. Auch die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland hat bei ihrer Versammlung im Januar auf dieses Problem noch einmal hingewiesen. Die Synode hat die Menschen in den Gemeinden ermutigt, beim Kauf von Grabsteinen auf das Gütesiegel zu achten. Damit kann man wenigstens ein kleines Zeichen setzen gegen das Unrecht, das den Familien aus der Kaste der Unberührbaren in Indien widerfährt.
Wer rein ist und wer unrein ist, das bestimmen seit Jahrtausenden die religiösen Traditionen einer Kultur. Wo das zur Ausgrenzung von Menschen führt, stimmt etwas mit der Religion nicht.
Darum ist es gut, wachsam zu bleiben und genau hinzusehen. Religion soll dem Leben dienen. Wo sie dem Leben schadet, muss sie kritisch hinterfragt werden. Der Maßstab ist die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst.
Moderne Sklaven
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