Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.02.10, Pfarrer Frank Küchler

Lebensaufgabe Sterben

Religion ist eine zwiespältige Angelegenheit. Sie kann den Menschen nützen, dem Leben dienen. Aber sie kann auch schaden.

Schädlich ist sie, wenn sie Menschen daran hindert, die Aufgaben, die das Leben  stellt, mutig anzugehen. 

Eine solche Lebensaufgabe ist auch das Sterben. Viele Menschen heute sind ängstlich und meinen, sie seien dieser Aufgabe nicht gewachsen. Sie stellen sich zum Beispiel vor, sie lägen an Schläuchen und Maschinen auf der Intensivstation und könnten selbst keinen Einfluss mehr nehmen auf ihr Schicksal. Dann wollen sie lieber tot sein! Oder sie stellen sich vor, unheilbar krank zu sein und starke Schmerzen leiden zu müssen. Dann wollen sie lieber tot sein! Wieder andere sagen: „In eine Pflegeeinrichtung für alte Menschen, da kriegen mich keine zehn Pferde rein! Lieber sterbe ich.“

Die Angst vor dem Verlust der eigenen Würde, die Angst davor, nicht mehr über sich selbst  bestimmen zu können, die Angst vor einer sinnlosen Lebensverlängerung  durch die  ständig wachsenden Möglichkeiten der Medizin, die Angst vor einem qualvollen Siechtum und Tod, ich finde diese Ängste verständlich. 

Aber hilft der Tod wirklich vor der Angst, möglicherweise qualvoll zu sterben? Mit dem Tod verbinden viele Menschen das Ende von Leiden und Schmerzen. Häufig ist in diesem Zusammenhang ja sogar die Rede von „Erlösung“.

Eigentlich seltsam! Denn genau genommen weiß ja kein Mensch, wie das ist, tot zu sein. Wir haben hierüber keine verlässlichen Aussagen. Auch die Erfahrungen von Menschen, die dem Tod einmal nahe waren, nützen hier nicht.

Aus christlicher Sicht ist der Tod übrigens immer noch der Feind des Menschen, und nicht sein Freund!  Aber Menschen haben nun mal eine blühende Phantasie, auch was Religion angeht. So haben wir auch dem Tod eine besondere, beinahe religiöse Bedeutung verliehen. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass Gott den Tod überwunden hat.

„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Das sagt Jesus nach der Überlieferung des Johannesevangeliums den Menschen.

Hier wird erst einmal die Angst ernst genommen. Und das finde ich gut. Wenn man in dieser Welt lebt, hat man Angst. Angst vor den Aufgaben, die das Leben einem stellt. Das gilt auch für das Sterben. Eine Aufgabe, die wir alle einmal meistern müssen. Wird es gelingen, den eigenen Weg anzunehmen? Das ist ungewiss! Also macht es uns auch Angst.

Zum anderen passt hier das Wort „überwinden“. Denn damit wird ernst genommen, dass es sich hier  um eine wirkliche Lebensaufgabe handelt. Eine Aufgabe, die das Leben uns stellt.

„Überwinden“ - das klingt nach harter Arbeit! Und genau das ist es ja auch! Solange wir in der Welt sind, stellt uns das Leben immer neue Aufgaben. Auch das Sterben ist eine solche, eine letzte Lebensaufgabe.

Ich will mein Vertrauen auch im Sterben auf Gott setzen. Vielleicht werde ich einmal große Angst haben. Vielleicht werde ich auch manchmal das Gefühl haben, Gott hat mich verlassen. Doch weiß ich: er traut mir zu, auch die letzte Aufgabe des Lebens, das Sterben, zu bewältigen. Er will mich dabei nicht allein lassen. Sondern verspricht mir seine Hilfe und seinen Beistand. Deshalb hoffe ich auf ihn.

Wo aber Menschen dem Tod mehr zutrauen als Gott, da stimmt was nicht mit der Religion. Darum ist es gut, wachsam zu bleiben und genau hinzusehen. Religion soll dem Leben dienen. Wo sie dem Leben schadet, muss sie kritisch hinterfragt werden. Der Maßstab ist die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. 

Audiobeitrag Lebensaufgabe Sterben


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