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Geschwister Scholl
Religion ist eine zwiespältige Angelegenheit. Sie kann den Menschen nützen, dem Leben dienen. Aber sie kann auch schaden.
Schädlich ist sie, wenn sie politische Machthaber in den Rang eines messianischen Heilsbringers erhebt. Wie das zum Beispiel zur Zeit der Nazi-Herrschaft mit Adolf Hitler geschehen war.
Es ist aus heutiger Sicht kaum zu glauben und zugleich beschämend: als dieser Psychopath und spätere Massenmörder an die Macht gekommen war, da wurde das von vielen religiösen Menschen in unserem Land als eine Fügung Gottes gesehen. Und von manch einer Kanzel den Menschen auch so verkündet.
Aber es gab auch andere. Heute denke ich an die Geschwister Sophie und Hans Scholl. Die beiden stammten aus einem christlichen Elternhaus. Aber sie ließen sich nicht verblenden, hatten einen wachen, kritischen Geist. Sie fühlten sich dafür verantwortlich, gegen das totalitäre Nazi-Regime zu protestieren. Sie verteilten Flugblätter in der Münchener Universität und wurden eines Tages von einem Hausmeister dabei überrascht. Der denunzierte sie bei der Gestapo. Wenig später, nämlich genau heute vor 67 Jahren, am 22. Februar 1943, wurden Hans und Sophie Scholl zum Tod verurteilt und in der Justizvollzugsanstalt München Stadelheim hingerichtet.
Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begrüßten die meisten Protestanten als eine Art von Gott gesandte Erlösung. Eine Reihe von Landeskirchen veranstalteten Fest- und Dankesgottesdienste, viele Pfarrer ließen in ihren Kirchen Hakenkreuzflaggen als Symbol der deutschen Hoffnung wie sie es nannten, aufhängen.
Nach der Machtergreifung Hitlers schrieb der evangelische Theologe Emanuel Hirsch: Kein einziges Volk der Welt hat so wie das unsere einen Staatsmann, dem es so ernst um das Christliche ist; als Adolf Hitler am 1. Mai seine große Rede mit einem Gebet schloss, hat die ganze Welt die wunderbare Aufrichtigkeit darin gespürt. Menschen sind in der Tat verführbar. Durch andere Menschen. Aber leider auch durch Religion. Das ist eine der bittersten Erfahrungen derer, die diese Zeit miterlebt haben.
Nach dem Krieg ist das vielen Menschen erst so richtig zu Bewusstsein gekommen! Erst aus einem gewissen Abstand heraus wurde deutlich: viele Menschen, die der Kirche angehörten, hatten ihre Verantwortung in diesem Unrechtsstaat nicht so wahrgenommen, wie sie es sich im Nachhinein gewünscht hätten. Viele schämten sich auch dafür.
Auch die führenden Personen der Kirche hatten die notwendige kritische Distanz zur Politik vermissen lassen. Und hatten so mit dazu beigetragen, dass Hitler zum Heilsbringer werden konnte. Bekannt aus unseren Schulbüchern ist das Photo von der Eröffnung der Nationalsynode in Wittenberg 1933. Auf ihm ist der damalige Reichsbischof Müller zu sehen, die Hand zum Hitlergruß erhoben, umringt von Männern in SA Uniformen. Immerhin: im Stuttgarter Schuldbekenntnis aus dem Jahr 1945 hatte die evangelische Kirche diesen Weg öffentlich als Irrweg bekannt.
Sprecher: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.
Gewiss: man hätte auch noch hinzufügen können: wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger gehandelt haben. Mutig gehandelt hatten zwei, deren Todestag sich heute wieder jährt! Die Geschwister Hans und Sophie Scholl.
Wo politische Machthaber quasi-religiös verehrt werden und zu gottgesandten Heilsbringern werden, da stimmt was nicht mit der Religion. Darum ist es gut, wachsam zu bleiben und genau hinzusehen. Religion soll dem Leben dienen. Wo sie dem Leben schadet, muss sie kritisch hinterfragt werden. Der Maßstab ist die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst.
Geschwister Scholl
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