Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.02.10, Jörn Heller

Zurück zum Nächsten! (Matthäus 22, Vers 39)

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ So lautet ein Gebot der Bibel. Immer öfter hört man heute aber den Nachsatz:

„Bevor ich meinen Nächsten lieben kann, muss ich mich zunächst einmal selber lieben.“ Und an diesem Nachsatz ist ja auch wirklich etwas dran. Denn wie soll das, was schon bei mir nicht richtig klappt, ausgerechnet in meinem Verhältnis zu anderen funktionieren? Als mürrischer alter Sack, der mit sich und seinem Leben unzufrieden ist, werde ich andere Menschen nur schwer davon überzeugen, dass ausgerechnet sie liebenswert sind. Insofern ist der Nachsatz schon berechtigt, denn geben kann nur, wer was zu geben hat.

Man sollte diesen Nachsatz aber unter Vorbehalt zitieren und sich nicht allzu lange damit aufhalten, denn wenn man nicht aufpasst, verleitet er einen dazu, sich allzu ausgiebig mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn wir diesen Nachsatz einfach so stehen lassen und nicht wieder zum eigentlichen Gebot zurückfinden, schleicht sich in unser Denken ein Grundsatz ein, der dem christlichen Glauben komplett gegen den Strich geht, und dieser Grundsatz lautet: Erst komme ich, und dann kommt der andere. Ein solcher Grundsatz aber tut weder uns noch andern gut.

Es gibt heutzutage unerhört viele Möglichkeiten, für das eigene Wohlbefinden zu sorgen: verschiedene Wellnessprogramme, durch die man dem Selbstwertgefühl auf die Sprünge hilft, aber auch unterschiedliche Therapieformen, die einem helfen, zum eigenen Wesen vorzudringen. Außerdem gibt es reichlich Literatur  zum Thema Selbstfindung. All das kann dazu beitragen, eine positive Grundeinstellung sich selbst gegenüber zu gewinnen. Und sicherlich ist es besser und gesünder, solche Angebote wahrzunehmen, als ein Leben lang achtlos an sich vorüberzugehen.

Die Frage ist nur, wie lange man bei sich selbst verweilen will, und ob es nicht ratsam ist, an irgendeiner Stelle der Ich-Pflege einfach mal einen Punkt zu setzen, um sich wieder dem zuzuwenden, der in unserem biblischen Gebot nun mal an erster Stelle genannt wird, zwar gleichwertig neben mir, aber eben doch an erster Stelle: meinem Nächsten. Letztendlich ist das eigene Ich mit seinen Ansprüchen und Sehnsüchten ja ein uferloser Strom, und damit die Einübung in die Selbstliebe eine never ending story, eine endlose Geschichte. .Irgendwann sollte man den Absprung schaffen, damit die Selbstliebe nicht zur Selbstsucht wird.

Zurück zum Nächsten also! Schon allein deshalb, weil es nicht möglich ist, die Liebe zu sich selbst komplett aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Das Gefühl, liebenswert zu sein, kann man sich eben nur in sehr eingeschränktem Maße selber verschaffen. Das weiß nicht zuletzt derjenige, der einmal die Erfahrung gemacht hat, wie schön es ist, für andere Menschen da zu sein, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie geschätzt und geachtet sind. Solche Erfahrungen strahlen immer auf einen selbst zurück und lassen dann die Frage nach der eigenen Liebenswürdigkeit mit einem Mal als beglückend nebensächlich erscheinen. Für solch beglückende Erfahrungen aber gibt es für jeden von uns noch einen riesigen Handlungsspielraum und mindestens so viele Betätigungsfelder wie für die Ich-Pflege.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ So lautet das biblische Gebot in seiner ursprünglichen Form. Wir sollten wieder dahin zurückfinden. Aus Liebe zu uns selbst.

Audiobeitrag Zurück zum Nächsten! (Matthäus 22, Vers 39)


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