Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.02.10, Pastor Wolfram Krebs

Jesus in der Wüste

Liebe Hörerinnen und Hörer. Hier in Köln, wo ich seit einigen Jahren Pastor einer Evangelisch – Freikirchlichen Gemeinde bin,

ist es zwar erfreulicherweise immer ein paar Grad wärmer als anderswo in Deutschland. Ein Wüstenexperte bin ich deshalb allerdings noch lange nicht. Bei diesem Stichwort treiben Bilder vor meinem inneren Auge vorbei von hohen, gelben Sanddünen, die wie erstarrte Meereswellen aussehen, dazu Kamelkarawanen und im Hintergrund, gleich neben der glitzernden Fata Morgana, die fruchtbare Oase. So was gibt es auch wirklich, aber eher in der Sahara. Was in der Bibel „Wüste“ genannt wird, ist nie ein Ort stiller Erhabenheit. Geröll, Steine, ein paar Büsche vielleicht, eher trostlos und an das Tohuwabohu der Urgeschichte erinnernd: Wüst und leer eben. Grau – farblos. Und einsam. Es gibt nicht wenige, die so etwas beängstigend finden. Nicht wegen der Verlassenheit solcher Orte. Man ist mit sich selbst alleine. Keine ablenkende Geräusche, keine Bewegung, keine grellen Bilder und Farben: Nichts von dem, was unseren Alltag durchflutet. Dafür Stille. Wenn Jesus Christus sich für 40 Tage an so einen Ort zurückzieht, dann geht es ihm bestimmt nicht um einen Erholungsurlaub. Da gibt es ein Vorbild: 40 Jahre lang zieht Israel durch die Wüste und niemals mehr hat es intensivere und direktere Erfahrungen mit Gott gemacht. Und nie war es in seiner Existenz gefährdeter. Und tatsächlich erlebt auch Jesus in der Wüste die Wirklichkeit Gottes, seines Vaters. Aber auch die andere Seite.

Sprecherin: Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Musik: “Kyrie” aus „Misa Criolla“ von Mercedes Sosa (Decca CD 467 095 – 2, 1999)

Autor: 40 Tage fasten. Das bedeutet natürlich nicht, in dieser Zeit überhaupt nichts zu essen oder zu trinken. Hier geht es eher um eine Reduzierung auf das absolut Notwendige. Es spart einfach Zeit. Essenszubereitung war ein aufwendiger Prozess, der viel Zeit in Anspruch nahm. Zeit, die man aus Sicht der Fastenden besser unabgelenkt in der Gegenwart Gottes verbringen sollte. Dass Jesus nach 40 Tagen die Erschöpfung und der Hunger plagen, das dürfte niemanden überraschen. Da liegt die Frage schon näher: „Was macht Jesus hier eigentlich 40 Tage lang? Warum unterrichtet er nicht seine Jünger, heilt Menschen, predigt ? In 40 Tagen kann man doch ne Menge ausrichten.“ Für Menschen, die ihren Wert an ihren Leistungen messen, ist das Zeitverschwendung. Aber bei Gott geht es nicht nach der Stechuhr oder Effektivitätsüberlegungen aus dem Bereich des Personalmanagements. Da geht es eher darum, in welchem Geist jemand handelt, wer er vor Gott ist. Und ob er sich selbst und den Blick auf seinen Auftraggeber nicht verliert. Jesus selbst hat immer wieder solche Zeiten gesucht, egal wie drängend andere Aufgaben auch schienen.

Wirklich überraschend ist ein anderes Detail unseres Textes: Gottes Geist führt Jesus in die Wüste, damit er vom Teufel versucht werde. Gottes Geist als Handlanger des Teufels?

Musik: “Kyrie” aus „Misa Criolla“ von Mercedes Sosa (Decca CD 467 095 – 2, 1999)

Autor: Auf der einen Seite steht Gott, auf den anderen der Teufel und dazwischen, als Spielball zwischen gut und böse schwankt der Mensch. So ähnliche religiöse Vorstellungen haben nicht wenige. Die Bibel beschreibt mich allerdings nicht als Spielball der Mächte und den Teufel nicht als gleichwertigen Widerpart Gottes. Es gibt nur einen Herrn und das ist Gott alleine. Harmlos ist das Böse oder der Böse deshalb nicht. Auch wenn seine Worte harmlos klingen: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann mach doch aus den Steinen hier ein paar Brote.“ Dieser Versuchung kann man nach einem reichhaltigen Menü sicher besser widerstehen, als nach 40 Tagen hungern. Warum soll Jesus denn nicht beweisen, dass er wirklich Gottes Sohn ist? So ein eher bescheidenes Wunder, da wird Jesus später ganz andere Dinge tun. Und einfach verkommen lassen kann man das Brot ja dann auch nicht. Das hätte zwar wahrscheinlich schon genügt, um mich aufs Glatteis zu führen. Aber Jesus widersteht. Obwohl ich mir sicher bin, dass er für diesen Gedanken nicht erst eine Einflüsterung des Teufels gebraucht hat. Diese Versuchung ergibt sich aus dem Hunger von alleine. Es gibt Wichtigeres: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort Gottes. Damit gibt Jesus selbst das Stichwort für die nächste Versuchung.

Musik: “Kyrie” aus „Misa Criolla“ von Mercedes Sosa (Decca CD 467 095 – 2, 1999)

Sprecherin: Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Autor: Gibt es das Böse? Wer einmal eine Zeitung gelesen hat, dürfte daran keine Zweifel mehr haben. Aber gibt es den Bösen als Person? Als schwefelstinkendes, gehörntes Monster, das die Menschen hinterrücks überfällt, sicherlich nur in Horrorfilmen. Satan, Beelzebul, der Geist der stets verneint oder wie auch immer dieses Böse in der Bibel benannt wird, agiert wesentlich perfider. Und leiser. Die Schlange im Paradies, die man später mit dem Teufel identifiziert hat, die schlägt ja nicht ihren Giftzahn in Eva, um danach den Adam zu verschlingen. Sie stellt eine scheinbar harmlose Frage, deutet geheimes Wissen an, sät Zweifel an der Fürsorge Gottes und das Elend nimmt seinen Lauf. Und diesen Einflüsterungen kommt man nicht so leicht bei, wie es Martin Luther mit seinem Tintenfass auf der Wartburg versucht hat. Mit einer gewissen Disziplin und Übung kann man körperlichen Verlockungen widerstehen. Die Fragen, die der Böse nun aufwirft, gehen da schon tiefer. Interpretiere ich das überhaupt richtig, was ich für das Reden Gottes halte? Meint Gottes Wort vielleicht ganz was anderes? Vielleicht will Gott ja gar nicht, dass ich einen so schweren Weg gehen muss, wie ich mir denke. Nun benutzt der Versucher Gottes Wort, um seine Zweifel zu säen. Und seine Strategie ist wahrhaft teuflisch. Was wäre denn gewesen, wenn Jesus tatsächlich von einer Mauerkrone des Tempels herabgesprungen wäre? Entweder wäre er am Boden zerschmettert oder von Engeln sanft nach unten geleitet worden. Das wäre doch die Sensation gewesen! Davon würde ganz Israel schwärmen. Der Messias ist da! Kann man so eine Gelegenheit denn verstreichen lassen? Es geht doch um den Erfolg der Sache. Zeig´s ihnen, Jesus. Warum willst du dich mit diesen schlichten Jüngern herumärgern, die sowieso nichts begreifen? Was suchst du denn bei dem elenden Pöbel, den Armen und Aussätzigen? Leiden, sterben: ach was. So macht man das, der große Auftritt, es warten doch alle darauf und du kannst das doch. Das ist deine Chance. Und glaubst du etwa nicht an das, was in der Bibel geschrieben steht? Na also, los doch. Es kommt noch schlimmer.

Sprecherin: Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Autor: Die Anfechtungen, mit denen sich Jesus bisher auseinandersetzen musste, werden ihm nicht fremd gewesen sein. Jetzt wird klarer, wer sich hinter solchen Einflüsterungen verbirgt. Bisher hat sich der Versucher hinter Bibelsprüchen versteckt. Jetzt öffnet er sein Visier: „Bete mich an und nimm die Macht aus meinen Händen.“ Nun ist doch klar, worum es eigentlich geht. Jetzt wird es doch einfach zu widerstehen. Wer das meint, der unterschätzt die Verführungskraft der Macht an sich. Macht kann jeden verführen. Sie hat etwas Berauschendes. Alles hört auf mein Kommando, was ich will, das ist Gesetz. Wer nicht spurt, der wird ausgemerzt. Die Geschichte dieser Welt ist voll von solchen Machthabern. Bis heute ist daran kein Mangel. Und man braucht schon sehr ausgeklügelte Gesetzeskonstruktionen, um diese Triebe zu kontrollieren. Auch wenn man es etwas feiner formuliert: Hier lauern erhebliche Versuchungen. Was könnte man nicht alles bewirken, wenn man die Macht verbrecherischer Tyrannen für das Gute einsetzen würde? Ein Mann mit einem solchen Charisma wie Jesus: Was könnte der nicht alles verändern, wenn der die Macht über die Welt hätte? Da ist es doch egal, wie er zu dieser Macht gekommen ist, ob durch Geburt, Wählerstimmen, einen Putsch oder, na ja, eben durch ein Gebet an den Teufel. Wer fragt denn später noch nach so was? Und, muss man nicht um der guten Sache willen immer den einen oder anderen Kompromiss eingehen? So ein kleines Gebet ohne Zeugen: Ein formaler Akt, mit dem Herzen muss man ja nicht einmal dabei sein... Verlassen wir schnell diese wahrhaft teuflischen Überlegungen. Ihre Verführungskräfte sind erheblich. Jesus Christus widersteht ihnen. Gottes Wort: In der Hand des Teufels soll es helfen, Jesus zu vernichten. In Jesu Mund, gefüllt durch Gottes Geist, wird diese Wort zur mächtigen Waffe gegen alle Versuchungen.

Musik: “Sanctus” aus „Misa Criolla“ von Mercedes Sosa (Decca CD 467 095 – 2, 1999)

Autor: Die Geschichte der Versuchung Jesu in der Wüste ist uralt und auf den ersten Blick fremd und entlegen. Die Versuchungen selbst und die Methode des Teufels, wenn man das so sagen kann, kommen mir sehr bekannt vor. Nur: Ich selbst wäre bestimmt darauf hereingefallen. Der Ort und die Umstände sind exotisch, die Versuchungen, denen Jesus hier widersteht, sind altbekannt. Meine Körperlichkeit, die Frage, ob ich Gottes Wort richtig interpretiere bis hin zu den Verlockungen der Macht. Ungemein tröstlich finde ich, dass nicht nur mein eigener Glaube andauernd angefochten ist, sondern Jesus selbst diesen Anfechtungen hier in der Wüste und bis zuletzt unterworfen ist. Das bringt mir Jesus näher. Und sein Weg, den Versuchungen zu widerstehen, das kann auch mein eigener sein.
Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und Bewahrung. Ihr Wolfram Krebs aus der Evangelisch -Freikirchlichen „Friedenskirche“ mitten in Köln.

Musik: “Sanctus” aus „Misa Criolla“ von Mercedes Sosa (Decca CD 467 095 – 2, 1999)

Audiobeitrag Jesus in der Wüste


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen