Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.02.10, Pfarrer Uwe Rieske

Der Charme der verpassten Chancen

Sprecher: „Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade“ Autor: Liebe Hörerinnen und Hörer,dieses portugiesische Sprichwort birgt für mich tiefe Wahrheit.

Auf meinem Lebensweg fin-den sich so viele Fehlstarts, übersehene Gelegenheiten, vertane Möglichkeiten und doch: Gott webt mit ihnen mein Lebensmuster. Ich bin mir gewiss: Gott führt mich auch mit Hilfe von verpassten Chancen auf gutem Weg an die Orte, an denen er mich haben will. Er kennt Wege, die ich gar nicht sehen und deshalb auch nicht planen kann. Meiner führte mich in den Kirchenkreis Bonn, wo ich als evangelischer Pfarrer an einem Mädchengymnasium Religions-unterricht gebe. Von dort grüßt Sie Pfarrer Uwe Rieske.

Musik:

In manchen Momenten entscheidet sich ein Lebensweg – oder auch nicht. Internetforen sind voll von Geschichten, die von solchen Augenblicken erzählen; auf einer Internetseite für jun-ge Frauen las ich folgende Geschichte:

Sprecherin: „Mädels, das ist doch echt hart. Ich bin gestern meinem absoluten Traummann begegnet - umwerfendes Aussehen, sehr charmant und vor allem sehr nett und hilfsbereit.

Ich laufe verträumt und die Sonne genießend durch die Straßen Frankfurts, schaue mir die unglaublich tollen Klamotten in den Schaufenster an, die ich mir momentan leider nicht leis-ten kann, doch plötzlich „rumms“ knie ich auf dem Straßenpflaster! Da hat mich doch tatsächlich so ein bescheuerter Fahrradfahrer umgenietet (ich hasse diese Idioten)! Und da dreht ER sich um!

Etwas längere dunkle Haare, leuchtend grüne Augen und ein unglaublich süßes Lächeln - und die helfende Hand zur Stelle! Ich hatte das fast als meine Chance gesehen, endlich meinen Traummann gefunden zu haben, wie man das nur aus Hollywood-Schnulzen kennt, doch dann steigt er einfach lächelnd auf sein Fahrrad, streicht sich die Haare aus der Stirn, sagt lächelnd: „Alles klar? Nach dann: Ciao“. Und ich hebe die Hand, sage ebenfalls: „Alles klar, danke!“ hebe die Hand und sage: „Ciao!“ – schon verschwindet er in der Menge. Mädels, was tut frau da? Vielleicht radelte dort der Mann meines Lebens davon?“

Autor: In solchen Alltagsbegegnungen entscheiden sich Lebenswege. Am Anfang von langen Liebesgeschichten stand oft ein Zufall, eine zunächst völlig alltägliche Begegnung, aus der dann mehr wurde. Brautpaare frage ich immer: Wie habt Ihr Euch eigentlich kennen gelernt? Und dann folgen Geschichten, die detailreich von der kleinen Wendung in Leben zweier Menschen erzählen. Der jungen Frau aus dem Internetforum wird nichts anderes übrig blei-ben, als die nächste Gelegenheit zu nutzen. Vielleicht hat sie ja bald eine neue Geschichte zu erzählen.

Mehr Brisanz haben verpasste Chancen in der Politik. Für Amnesty International war 2009 ein internationales Jahr der verpassten Chancen. Die Schließung des US-Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba ist trotz Barack Obamas Ankündigung kaum vorangekommen. In Chi-na, im Iran und in vielen anderen Ländern werden weiterhin Menschenrechte nicht respektiert. Im Iran ist die Zahl der Hinrichtungen im letzten Jahr gestiegen. Und erst recht war die Kopenhagener Klimakonferenz eine verpasste Chance, die schwer zu verkraften ist: Die Weltgemeinschaft muss die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel schützen, entschieden, nachhaltig und sofort. Was wäre, wenn sich die Regierungschefs der Welt auf verbindliche Ziele für die Begrenzung des CO²-Ausstoßes geeinigt hätten? Die Gelegenheit war da, dass sich erstmals in ihrer Geschichte die Menschheit für den Schutz des Planeten auf einen gemeinsamen Weg begeben hätte. Wie viele haben dafür gekämpft.

Aber was folgt aus solchen verpassten Chancen – sei es in Fragen der Liebe wie der Politik? Sie machen einfach nur deutlich, dass die nächsten Gelegenheiten umso wichtiger sind. Der nächste Anlauf wird, nachdem der erste gescheitert ist, dessen Fehler zu vermeiden haben. Jede verpasste Chance hat den Charme, dass die nächste die bessere ist.

Musik:

Autor: Ein gutes Beispiel für verpasste Gelegenheiten, aus denen Gott dennoch etwas macht, ist Petrus, der Jünger Jesu. Er ist der Prototyp des Versagens in wichtigen Momenten. Das zeigt sich in jener nächtlichen Geschichte, als die Jünger in einem Boot über den See Genezareth fahren und Jesus über das Wasser zu ihnen kommt.

Sprecherin: Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wel-len; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.

Welchen Mut zeigt Petrus, aus dem Boot auf die nassen schwarzen Wellen zu steigen. Er geht einfach hinaus ins Dunkle – und wird tatsächlich getragen. Schritt um Schritt scheint zu ge-lingen, was er vorhat. Aber dann packt ihn doch die Angst: „Herr, hilf mir!“ Jesus lässt Petrus nicht sinken. Aus einer Geschichte, die vom schwindenden Vertrauen handelt, wird eine, in der die helfende Hand die Hauptrolle bekommt. Jesus greift zu. Das Reich Gottes, von dem Jesus erzählt, nimmt gerade solche im entscheidenden Moment versagenden Menschen bei der Hand; Gottes Kraft wird besonders an ihnen deutlich. Er lässt sie nicht sinken, sondern breitet mit ihrer Hilfe die Botschaft von seiner Liebe aus.

Das Beispiel des Petrus ermutigt mich. Ich muss nicht perfekt und fehlerlos sein, damit Gott aus mir etwas machen kann. Gerade aus den Schwächen des Menschen, aus seinem Scheitern und Versagen weiß Gott etwas zu machen. In dieser Kunst, fehlerhafte Menschen in Dienst zu nehmen, zeigt sich Gott als ein menschenfreundlicher Gott der Liebe. Nicht ist lehrreicher als ein eigener Fehler. Die nächste Gelegenheit ist eine, ihn nicht zu wiederholen. Oder die übernächste.

Musik:

Autor:
„Eine verpasste Chance war gar keine“, sagte mir neulich eine Freundin: „Die Dinge, die passieren sollen, passieren auch.“ So gesehen haben Sie und mich an den Ort, wo wir uns gerade befinden, keine Zufälle geführt, auch wenn es so aussieht. Oft spricht aus dem Hadern über vergangene Chancen die Unzufriedenheit über das Leben, wie es heute ist. Manche meinen, sie gehörten auf der Karriereleiter auf eine höhere Stufe, vielleicht sogar in einen viel interessanteren Beruf und hadern mit den Umständen, die dies verhinderten: „Hätte ich damals zugegriffen, als ich gefragt wurde…“ – Aber für jede getroffene Entscheidung gibt und gab es Gründe, auch wenn man sie im Rückblick anders gewichtet. Damals war es richtig. Im Hadern über frühere Entscheidungen verweigert man sich selbst die Versöhnung mit dem eigenen Leben. So wird das, was heute ist, in seinem Wert unterschätzt und damit auch Gottes Macht.

Manchmal wächst gerade aus den Endpunkten von Lieben und Leben, dort, wo alles verloren scheint, eine neue Chance: „Wir möchten, dass Du uns traust.“ Diese Bitte äußerte ein Paar, das ich seit fast fünf Jahren kenne. Beide verloren ihre früheren Lebenspartner am selben Tag – beim Tsunami in Thailand an Weihnachten 2004. Sie haben die Welle schwer verletzt und traumatisiert überlebt. Sie hatten alles verloren, was ihnen kostbar war – den Partner, ihre Gesundheit, ihre Arbeitsfähigkeit und das Vertrauen ins Leben. Ich lernte sie auf einem Tref-fen von deutschen Betroffenen der Tsunami-Katastrophe kennen. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe haben sie dort erstmals miteinander gesprochen. Damals waren sie völlig beschäftigt mit ihrer körperlichen Genesung, mit der Trauer und mit der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Aber sie verloren sich seither nicht mehr aus den Augen. Seit etwa zwei Jahren sind die beiden ein Paar.

Später haben sie festgestellt, wo sie einander bereits begegnet waren: An Weihnachten 2004 waren sie mit ihren damaligen Partnern im selben Hotel, das von der Welle völlig zerstört wurde. Am Heiligabend, so haben sie später rekonstruiert, saßen sie an benachbarten Tischen, ohne einander wahrzunehmen. Schwer verletzt wurden sie nach der Welle im selben Krankenhaus behandelt und trafen sich nicht. Erst in Deutschland, Monate später, stellten sie fest, wie oft sie einander begegnet waren, ohne sich kennen zu lernen. Die Zeit war noch nicht reif, einander in den Blick zu nehmen.

Aber es war nicht zu spät für eine Liebe, die Jahre brauchte, um sich zaghaft und tastend zu entwickeln. Irgendwann war da mehr entstanden als besonders tiefes Verständnis für die Lage des anderen. Inzwischen gestalten beide ihr Leben gemeinsam und schauen in die Zukunft. Und wir haben einen Termin. Im Juni werde ich die beiden am Ufer des Alpsees im Allgäu trauen.

Für mich zeigt diese Geschichte: Manchmal ist es einfach nicht an der Zeit, dass eine Be-gegnung Bedeutung bekommt. Zuweilen dauert es lange und braucht eine neue Lebens-situation, bis sich entwickeln kann, was sich entwickeln soll. Mindestens so wichtig wie gute Gelegenheiten ist das Vertrauen, dass sie immer wieder kommen. Dazu gehört die Gewissheit: Das, was jetzt ist, ist gut und richtig so – es entspricht Gottes Absicht mit mir und meinem Leben.

Musik:

Autor: Treue ist es, was Paul Gerhardt empfiehlt. Treue im Glauben, selbst dort, wo alles aussichtslos scheint. Sein Lied „Befiehl Du Deine Wege“ folgt der Selbstbewegung des hadernden Ich. Die Sorge, das Hadern und die Klage werden offen ausgesprochen. Wo dies geschieht, stellt sich Vers um Vers das Vertrauen ein auf Gottes Möglichkeit, diese Lage zu wenden. Eine Weile, räumt Paul Gerhardt ein, wird Gott mit seinem Trost verziehn. Aber nicht ewig. Die Anfangsworte der Strophen lauten hintereinander gestellt: „Befiehl dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen.“

Was uns beschwert und belastet, das soll auch ausgesprochen sein. Es braucht Lebenspartner, Freunde, Tagebücher, Gebete, Lieder und meinetwegen auch Internetforen, in denen die Kla-ge über verpasste Gelegenheiten, vertane Möglichkeiten, aber auch über schreckliche Erlebnisse laut werden darf. Alles, was unseren Lebensweg unterbricht, behindert, bedroht, soll erzählt werden: Den Menschen und dem Gott unseres Vertrauens. So kann sich am Ende die dankbare Gewissheit einstellen, dass Gott uns durch dies alles hindurch führt, in einer Er-fahrung, die Hilde Domin poetisch verdichtet hat:

Sprecherin: Ich setze meinen Fuß in die Luft und sie trägt.

Musik:

Gott führt unsere Wege selbst dort, wo keine sind. Er kann aus allem, sogar aus dem Böses-ten, und auch aus uns etwas Gutes machen. Und am Ende führt Gott in eine Wirklichkeit, wo alles dies, was uns hier belastet, keine Bedeutung mehr hat. Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, offene Ohren und Herzen, um sich von Paul Gerhardts Lied stärken zu lassen. Ich wünsche Ihnen die beglückende Erfahrung, dass Gott uns führt, wo und wie wir sind. Er versteht es, aus nichts etwas zu machen. Auch aus diesem Sonntag, der uns geschenkt ist wie unser ganzes Leben.

Aus der evangelischen Kirchengemeinde Bonn grüßt Sie herzlich Pfarrer Uwe Rieske.

 

Audiobeitrag Der Charme der verpassten Chancen


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen