Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.02.10, Pastor Wolfram Krebs

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Zu diesem „Ich bin...“ Wort aus dem Johannesevangelium habe ich keinen leichten Zugang gefunden. Im Tal der Wupper, aus dem ich stamme, ist meines Wissens noch niemals Wein gewachsen und auch sonst gebe ich mein Banausentum in diesen Fragen gerne zu. Die Lyrik der Weinkarten finde ich eher belustigend als informativ: Reiches Bukett, fruchtiger Körper, vollmundige Mitte mit erdig – nussiger Note, würdiger Abgang. Dabei finde ich das durchaus beeindruckend, wie die echten Kenner Traube, Jahrgang und alles mögliche Andere herausschmecken können. Mir reicht es aber, wenn das Getränk preiswert ist, kein Sodbrennen erzeugt und auch am nächsten Morgen keine Kopfschmerzen hinterlässt. Und wenn der geniale Peter Ustinov in der Rolle des römischen Kaisers Nero in die Weintraube biss, war das für mich das Urbild der Dekadenz. Oder war das eine Weinrebe?

Da war ich recht uninteressiert, als mich ein Kollege aus dem sonnigen Baden in seinen Weinkeller führte. Danach zeigte er mir den Teil des Weinbergs, von dem er seine Vorräte bezog. Er merkte natürlich meine fehlende Begeisterung. Deshalb wies er mich mit sanftem Lächeln darauf hin, dass das erste Wunder Jesu immerhin direkt mit der Erzeugung hervorragenden Weins zu tun hatte. Er spielte damit auf die Hochzeit zu Kana an, da verwandelt Jesus Wasser in Wein. Und außerdem sei der Wein das einzige Getränk, von dem wir aus der Bibel heraus ableiten können, dass es im Himmel getrunken werde.

Da war mein Interesse geweckt. Die Weinstöcke, deren Loblied er mir sang, waren so ziemlich die unansehnlichsten Pflanzen, die ich kenne. „Woran erkennt man eigentlich, was das für eine Sorte ist?“ fragte ich ihn. „Na, an den Früchten natürlich.“ war die Antwort des Kenners. Als er mir dann noch erklärte, warum die Stöcke regelmäßig von nutzlosen Trieben beschnitten werden müssen, da fing ich langsam an zu verstehen, warum Jesus ausgerechnet das Bild des Weinstocks auf sich bezieht.

Neben den vielen anderen Details finde ich die Zweckrichtung dieses Bildes bemerkenswert: Der Weinstock, die Jünger-Reben, die haben den Zweck, die Herzen der Menschen zu erfreuen. Gehilfe zur Freude zu sein. Wenn man an das Elend denkt, in das Alkoholmissbrauch ganze Familien reißt und an die Belastungen, mit denen ein alkoholkranker Mensch fertig werden muss, ist man über solch biblische Unbefangenheit verwundert. Natürlich kennt die Bibel auch das Unheilspotential des Alkohols, anders als in unserer Gesellschaft heute scheint das damals aber kein weit verbreitetes Phänomen gewesen zu sein.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht.“ Die Frucht heißt Freude. Die Freude derer, die das Evangelium, die Freudenbotschaft hören und annehmen. Ich finde, das ist eine sehr schöne Beschreibung dessen, was Christen in dieser Welt und für diese Welt sein können.

Audiobeitrag Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben


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