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Mexikaner
Er nannte sie Schlitzis. Nicht, dass er etwas gegen sie gehabt hätte. Nein ganz und gar nicht. Sie fielen nur einfach auf.
Mit ihren mandelförmigen, leicht schräg stehenden Augen. Außerdem waren sie alle eher klein und schlank, einige hatten eine leicht gelbliche Hautfarbe. Mit einer ganzen Gruppe waren sie in das kleine Hotel in seinem Stadtteil gezogen. Und liefen immer gemeinsam an seinem Haus vorbei, redeten und gestikulierten aufgeregt. Sie lächelten - oft. Ziemlich oft. Irgendwie erweckten sie den Eindruck, als befänden sie sich in einem großen Abenteuer. Dabei waren sie zum Arbeiten in die Stadt gekommen. Er wusste es natürlich nicht, schließlich hatte er noch nie mit einem von ihnen geredet. Aber er nahm es an. Sonst gewöhnte er sich an sie, wie sie sonntags -alle mit Hemd und Pullover- vom Bus zu Ausflügen abgeholt wurden. Wie sie abends vom Supermarkt einen Kasten mit heimischem Bier ins Hotel trugen. Und alles wäre so weitergegangen, wäre nicht der Karneval gekommen.
Sie warteten auf den Bus, beinahe hätte er sie nicht erkannt. Einer mit roter Perücke, gestreiften Hosen und roter Nase, daneben einer mit Cowboyhut und Wildlederanzug, einer mit langem schwarzen Haar und Piratenkostüm. Doch dann musste er noch einmal hinsehen. Er starrte über die Straße und er lachte, lachte aus vollem Hals. Das hatte er nun wirklich noch nie gesehen. Und es sah einfach zu komisch aus: Dieser dünne Mann mit dem Sombrero und dem Poncho. So ganz anders als die Mexikaner, die er kannte, aus dem Western, aus Lucky Luke oder auch vom Karneval. Gegenüber stand -er konnte es nicht fassen- ein asiatischer Mexikaner. Zu komisch, unfassbar. Und als der Bus schon lange abgefahren war, da stand er noch immer am Fenster und musste lächeln . Zufällig entdeckte er sie dann beim Veilchendienstagszug und ganz und gar nicht zufällig blieb er in ihrer Nähe stehen. Als der Zug kam, riefen sie sogar Halt Pohl. Ach, sie waren schon in Ordnung. Kurz hatte er sie vergessen, da kam eine Fußgruppe um die Ecke- die Gladbacher Mexikaner. Eine Truppe von Männern und Frauen mit farbenfrohen Ponchos, Hüten und Schnürschuhen mit bunten Bändern. Er sah hinüber. Jetzt hatten auch die Chinesen die Gruppe entdeckt. Einer zeigte mit dem Finger auf sie, die anderen guckten dann auch und lachten. Der, der sich als Mexikaner verkleidet hatte, rief seinen deutschen Kollegen etwas zu und winkte so heftig, als seien sie alte Bekannte. Und er? Er schaute sich die mexikanische Fußgruppe an, den brünetten Mann mit den modischen Kotletten, die hellhäutige Frau mit den blonden Locken. Deutsche Mexikaner dachte er- und er lachte, lachte aus vollem Halse.
Von dem Tag an, dachte er anders über die seine neuen Nachbarn. Wenn sie jetzt an seinem Fenster vorbei liefen und aufgeregt miteinander sprachen, wunderte es ihn nicht mehr. Seine kleine Stadt steckte voll von Überraschendem, das wusste er jetzt. Und wenn er einen von ihnen mal wieder unergründlich lächeln sah, dann war er manchmal sogar ein kleines bisschen neidisch. Ja, ehrlich gesagt, träumte er sogar davon, auch mal einer von ihnen zu sein. Wenigstens für 24 Stunden. Denn dann würde auch er endlich verstehen, was Schlitzis noch alles so amüsant bei uns finden. Außer: deutsche Mexikaner zu Karneval. Und wahrscheinlich würde auch er dann häufiger lächeln.
Mexikaner
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