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Vom Recht auf schlechte Laune
Schlechte Laune. Sie hatte vor meinen Augen Gestalt angenommen. Die personifizierte schlechte Laune hieß Ute.
Wir saßen an einem Winternachmittag bei Kerzenschein in ihrer Küche, eigentlich recht gemütlich. Doch Ute nölte. Über das Wetter und den Winter überhaupt, der einfach nicht enden wollte. Über das Wetter, das nun schon seit Wochen ein reines Mistwetter war, kalt, nass und vor allem dunkel. Ute klagte darüber, dass sie morgens gar nicht aus dem Bett käme, keine Lust auf den Tag hätte. Unkonzentriert sei sie, unzufrieden, energielos, oft grundlos traurig. Und das würde noch monatelang so weitergehen. Kein Sommer in Sicht. So wie heute.
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich heiße Britta Jüngst und bin Pfarrerin im Frauenreferat der Evangelischen Kirche von Westfalen. Für Ute hatte ich damals viele gute Ratschläge. Rausgehen, etwas Schönes unternehmen, sich mit Freundinnen treffen. Sie kamen alle nicht an. Im Gegenteil, Ute wurde nur noch ärgerlicher und vergrub sich in ihrer schlechten Laune. Oder war es schon eine handfeste Winterdepression?
Musik: Little Joy, Titel 5 Unattainable CD: Little Joy, 2008
Autorin: Unter dieser Art von Depression leidet Ute und mit ihr ungefähr 400.000 weitere Menschen. Die Winterdepression schleicht sich jährlich an in den Herbstmonaten und verschwindet wieder im Frühjahr. Denn in dieser Zeit sind wir häufiger im Haus, wir bewegen uns seltener an der frischen Luft. Bei trübem Wetter gehen 50% der Menschen in unseren Breitengraden nur raus, wenn es unbedingt sein muss, sagt eine Umfrage. Das natürliche Tageslicht fehlt unserem Körper. Durch die verminderte Lichtintensität in den Wintermonaten, die kürzeren Tage und sinkenden Temperaturen entsteht eine ziemlich scheußliche Mischung! Und darauf reagiert unser Körper, indem er die Produktion des Serotonin herunterfährt, eines Hormons, das uns sonst Wohlbefinden vermittelt. Gleichzeitig wird der Melatoninspiegel erhöht, der uns müde und schlapp macht. In der Folge werden wir unausgeglichen und unkonzentriert, werden eine einzige Zumutung für alle, die uns nicht aus dem Weg gehen können. Vielleicht suchen wir Trost und Linderung in Schokolade, Zucker, Kuchen, Hauptsache süß und fett. Die Winterdepression macht müde, so dass man kaum aus dem Bett kommt. Sicher, man könnte spazieren gehen, aber woher soll die Energie dafür kommen? Lieber abhängen und rumgammeln. Das aber hilft nun gar nicht weiter. Im Gegenteil: die totgeschlagene Zeit macht uns erst recht grantig. So viel ungenutzte Zeit! Wie schrecklich! Und erst die vielen Süßigkeiten, die man bewusstlos in sich hineingestopft hat! Selbst schuld, wenn die Waage verrückt spielt! Das schlechte Gewissen macht einen dann erst recht unausstehlich. Wir schämen uns dann auch noch für uns selbst und diesen unerträglichen Zustand, in den wir geraten sind.
Nicht immer weisen solche Symptome gleich auf die depressive Erkrankung. Es gibt auch harmlosere Varianten. Den Winterblues zum Beispiel, der sich durch gesteigerte Misslaunigkeit auszeichnet, oder die einfache schlechte Laune, die anhält, solange es draußen trüb und ungemütlich bleibt. Angenehm ist keiner dieser Zustände, weder für die Übellaunigen selbst noch für die, die mit ihnen zusammenleben müssen.
Nun sind Kälte und Dunkelheit nicht gerade sozial anerkannte Entschuldigungen für Depressivität und Gereiztheit. Und so schlägt den betroffenen Frauen und Männern oft Verständnislosigkeit entgegen und die Erwartung, dass sie sich doch zusammennehmen mögen. Garniert mit guten Ratschlägen: geh zum Arzt! Lass dir eine Lichttherapie verschreiben, nimm Antidepressiva, versuch das Solarium, Johanniskraut, Sport, Spaziergänge, schon 2x täglich 30 Minuten reichen! Mach Urlaub auf den Malediven usw. Sie soll auf jeden Fall verschwinden, die Winterdepression, der Blues, die schlechte Laune, weil sie wirklich nervt.
Das ist ja auch eigentlich ein guter Wunsch. Doch stößt diese Haltung die Betroffenen oft in große Einsamkeit. Zu wem sollen sie nun gehen mit ihrer Not, die keinen ernst zu nehmenden Grund zu haben scheint, die allenfalls Ratschläge oder auch Ungeduld und Unmut provoziert? Das eigene Leiden erscheint als Peinlichkeit, als schlichte Überempfindlichkeit, darf eigentlich nicht sein. Und dann ist man allein damit.
Musik: Ben Weaver, Titel 3 Old Mission CD: Stories uner nails, Fargorecords
Autorin: Ist schlechte Laune ein Problem, das Gott bewegt? Ein Leiden, das Gott angeht? Gott tröstet sicher viele Leidende, Gott heilt und ermutigt. Davon erzählen die biblischen Geschichten. Und diese Welt steht vor vielen Problemen, die dringend einer Lösung bedürfen: Frieden, Hunger, Klima, Gewalt. Aber schlechte Laune? Machen wir uns nicht lächerlich damit, zu fragen, ob Gott durch unsere schlechte Laune berührt ist?
Aber umgekehrt gefragt: sollte sich Gott nicht durch unerklärliche Traurigkeit berühren lassen? Sollte Gott zu denen gehören, die den Geplagten noch einen Schlag drauf geben unter dem Motto: nun stell dich bloß nicht so an? Es gibt Wichtigeres in dieser Welt.
Ich kann und will das nicht glauben. Leiden nach Größe und Wichtigkeit auf- und abzurechnen, davon halte ich nichts. Auch ein alltägliches Leiden schreit nach Mitgefühl. Und ein ganzes biblisches Buch, das Buch des so genannten Predigers, gibt mir Recht. Denn auch er, der Prediger, ist so ein Übellauniger, Depressiver. Er gehört zu denen, denen es von außen betrachtet gut geht. Er scheint keine existenziellen Sorgen zu haben. Seine schlechte Laune ist sie darum ein Luxusproblem?
Der Prediger lässt kein gutes Haar an dem Leben, das er beobachtet. Er findet eigentlich alles sinnlos auf dieser Erde. Alles ist nichts, und wozu sollen sich Menschen Mühe geben, fragt er. Was für einen Gewinn haben wir von all unserer Mühe?
Sprecher: Das, was geschah, ist das, was geschehen wird, und das, was getan wurde, ist das, was getan wird. Es gibt gar nichts Neues unter der Sonne (Pred. 1,9).
Autorin: Alles schon da gewesen, alles sinnlos, alles Jagen nach Wind. Und die Suche nach Weisheit, nach der Tiefe des Lebens, nach Sinn? Sie stimmt den Prediger auch nicht um:
Sprecher : Viel Weisheit bringt viel Verdrussund wer Erkenntnis hinzufügt, fügt Schmerz hinzu (1,18).
Autorin: Alles umsonst. Und Ruhm, Reichtum, Macht? Auch das ist sinnlos, sagt der Prediger. Später musst du alles deinen Erben überlassen. Was soll das also? Das Leben bietet nichts Neues, alles Jagen nach Wind.
Ich fürchte, wenn ich noch länger aus diesem biblischen Buch zitiere, verderbe ich Ihnen auch noch die Sonntagslaune, so abgeklärt und so penetrant wehrt sich der Prediger gegen alle Versuche, seinem Leben einen positiven Dreh zu geben.
Musik: Sarah Blasko, Titel 1 Down on love CD: As day follows night, 2009
Autorin: Ich finde es großartig, dass dieser Miesepeter seinen Platz in unseren Heiligen Schriften gefunden hat: ein Schlechtgelaunter vor den Augen Gottes. Einer, der sich nicht zusammennimmt, sondern sich die Zeit zugesteht, die er zum Klagen und Nörgeln braucht.
Manche sind vielleicht versucht, ihn zu stoppen, ihn zu unterbrechen, damit er endlich, endlich aufhört mit seinem Lamentieren, das unerträglich ist. Doch Gott greift nicht ein, Gott unterbricht ihn nicht, sagt nicht, es sei doch alles gar nicht so schlimm, weist ihn auch nicht in seine Schranken, weil er doch nun wirklich zufrieden sein könnte mit seinem Leben, das von größeren Katastrophen verschont blieb. Gott lässt ihn ausreden. Die schlechte Laune darf sein. Keine guten Ratschläge.
Mit diesem schlechten Gefühl nicht allein zu sein, sondern zu wissen, dass da jemand zuhört, ist einfach wunderbar und offenbar schon sehr heilsam. Wenn ich das schon damals in Utes Küche gewusst hätte, hätte ich meine guten Ideen wohl eher für mich behalten. Wenn Gott auch den schlecht Gelaunten zuhört, dann findet selbst der Prediger so etwas wie Lebensmut trotz und in all der Sinnlosigkeit. Nicht überschwänglich und nicht über all seine Bedenken hinweg. Es ist eher ein Lebensmut, der sich ausdrückt im ganz Alltäglichen, im Unspektakulären.
All denen, die wie er unter den Widrigkeiten des Lebens leiden, ohne sie ändern zu können, rät er ganz einfach:
Sprecher: Geh, iss dein Brot in Freude und trinke frohen Herzens deinen Wein. Denn Gott gefällt seit langem schon, was du tust. (Pred. 9,7).
Autorin: Gott gefällt seit langem schon, was du tust kein Appell, sich möglichst schleunigst zu ändern. Wenn ich den Prediger hier richtig verstehe, dann will er dazu verhelfen, von sinnloser Mühe abzulassen. Dann will er dazu verhelfen, den Blick auch einmal von dem, was nicht klappt, abwenden zu können und sich nicht darein zu verbeißen. Einmal, für einen kurzen Moment mitten in der schlechten Laune bewusst an etwas anderes, Schönes zu denken. Lass gut sein, du und dein Tun gefallen Gott sowieso schon.
Der Prediger lenkt die Sinne aufs Essen und Trinken. Brot das Sinnbild für Nahrung und Stärkung, für Sicherheit. Iss dein Brot mit Freuden, das mag heißen: Stärke dich erst einmal, nimm den Geruch des Brotes wahr, die Wärme, und mach dir bewusst, dass es in deinem Leben wenigstens so viel Handfestes und Nährendes gibt wie dieses Brot. Nimm das wahr und versuche, dich daran zu freuen.
Und trink deinen Wein mit frohem Herzen, suche die Fröhlichkeit, die Geselligkeit und sei mit diesem Moment einmal zufrieden. Und alles andere wird auf dich zukommen, denn, so fährt der Prediger fort: Alles, was deine Hände zu tun finden, das tu nach Kräften (Pred. 9,10a). Nicht mehr und nicht weniger. Deine Arbeit ist so selbstverständlich wie deine Ruhe, deine schlechte Laune gehört zu deinem Menschsein wie deine Fröhlichkeit.
Vielleicht kann es ja gelingen, den eigenen Blickwinkel nur ein winziges bisschen zu verschieben.
Der Geschichtenerzähler Janosch drückt das so aus:
Sprecher: Das Leben ist so. Du wirst hineingeworfen wie in ein kaltes Wasser, ungefragt, ob du willst oder nicht. Du kommst lebend nicht mehr heraus. Darüber kannst du: a) unglücklich sein und ersaufen; b) dich lustlos und frierend so lange über Wasser halten, bis es vorbei ist; c) einen Sinn suchen und einfordern und dich grämen, weil er sich nicht zeigt. Oder du kannst: d) dich darin voller Freude tummeln wie ein Fisch und sagen: Ich wollte sowieso in kaltes Wasser, kaltes Wasser ist meine Leidenschaft. Was für ein verdammt schönes Vergnügen, Leute. Und das wäre die Kunst, um die es hier geht.
Autorin: Wenn Ihnen diese Kunst nun nicht gelingt, weil sie gerade mitten im schlechte-Laune-Sumpf feststecken: es darf sein. Gott hat ein großes Herz auch für die, die nölen und klagen. Irgendwann wird der Duft des Brotes Sie wieder erreichen und Fröhlichkeit wird Sie herauslocken aus den trüben Gedanken. Ganz sicher!
Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Britta Jüngst aus dem Frauenreferat der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Musik: Sarah Blasko, Titel 5 We won´t run CD: As day follows night, 2009
Vom Recht auf schlechte Laune
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