Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.01.10, Pfarrerin Johanna Krumbach

Wie die Kinder

Völlig versunken sitzt er da auf dem Boden. Als würde er sie zum ersten Mal sehen, nimmt er fasziniert die Schnur auf, an der die kleine Plastikflasche angebunden ist.

Er zieht an der Schnur und schaut immer wieder zu der Flasche hin, die sich nun bewegt.

Stundenlang könnte ich ihm dabei zusehen – unserem zehn Monate alten Sohn Marco. Und es dauert wirklich eine gute Weile, bis ihm langweilig wird und er sich etwas anderem zuwenden möchte. Schnell kommt er zu mir gekrabbelt, richtet sich sitzend auf und schaut mich mit seinen großen blauen Augen erwartungsvoll an. Der Ton, den er dabei von sich gibt, sagt eindeutig: „Ich möchte etwas haben. Gib mir etwas.“ Suchend sehe ich mich um, was ich ihm geben könnte. Mein Blick fällt auf die Förmchen zum Weihnachtskekse backen - ich habe es immer noch nicht geschafft, sie in den Keller zu bringen. Also greife ich zu dem roten Plastikstern, der mir am nächsten liegt, und halte ihn meinem Sohn hin. Als er sieht, was ich da für ihn habe, erscheint ein strahlendes breites Lachen auf seinem kleinen Gesicht – begleitet von einem glückseligen Glucksen. Schnell greift er nach dem neuen Spielzeug, setzt sich hin und betrachtet fast ehrfürchtig den Plastikstern. Zuallererst landet eine Seite natürlich im Mund, dann krabbelt er mit seiner neuen Errungenschaft in der Hand weiter weg, um sich dann wieder eingehend damit zu beschäftigen.

Fast bin ich neidisch auf meinen Sohn, der eine so große und ungetrübte Freude empfinden kann – und das sogar für eine Kleinigkeit. Uns Erwachsenen ist diese Freude meist über die Jahre hinweg abhanden gekommen. Schade eigentlich.

Jesus stellt uns diese Freude, dieses Empfangen-Können wie ein Kind als gutes Beispiel vor Augen. Einmal wollten die Jünger eine Gruppe Kinder von Jesus fernhalten.. Sie glaubten wohl, ihm damit einen Gefallen zu tun. Aber er  wurde wütend und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn sie gehören zu Gottes Reich.  Ja, ich sage euch: Nur wer Gottes Reich wie ein Kind aufnimmt, wird dort hineingelangen. Und er nahm die Kinder in die Arme, segnete sie.

All das, was wir wegen der vermeintlich guten Erziehung unseren Kindern abgewöhnen wollen, hält Jesus uns als gutes Beispiel vor Augen. Kinder fordern, sie wollen etwas bekommen – sich beschenken lassen. Sie strecken die Hände danach aus. Sie sagen eben nicht: „Nein danke, deine Mühe ist nicht nötig. Ich brauche nichts“. Sie wollen etwas haben.

Wenn sie es dann bekommen, dann ist es, als hielten sie etwas ganz besonderes in den Händen. Einen riesengroßen Schatz, den sie am liebsten nie wieder hergeben möchten. Und man kann ihnen die Freude darüber ansehen und anhören. Sie lassen keinen Zweifel an dieser Freude. Sie sagen nicht höflich: „Vielen Dank“ und legen das Geschenk beiseite, um sich anderen Dingen zu widmen. Sie jauchzen vor Freude und es gibt auf der Welt nichts Wichtigeres als dieses eine Geschenk.
Wir müssen erst wieder lernen und es zugeben, dass wir auch etwas wollen, dass wir gierig die Hände nach dem Reich Gottes ausstrecken können – nach seiner Liebe und Zuwendung.

Und wenn wir dieses Geschenk dann mit offenen Händen empfangen, können wir uns laut darüber freuen und es hüten wie einen kostbaren Schatz. Gott hat etwas zu verschenken, sagt Jesus. Dieses Geschenk dürfen wir annehmen und wir dürfen uns wie ein Kind darüber freuen. Glückselig - Ohne Wenn und Aber!

Audiobeitrag Wie die Kinder


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