Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.01.10, Pfarrerin Johanna Krumbach

Initiative "Henkelmann"

Jeden Montagnachmittag um drei stehen sie Schlange. Es ist eine bunte Schlange. Vor der jungen Frau steht die türkische Familie mit den vielen kleinen Kindern,

dahinter der alteingesessene Rentner. Auch die Witwe, die vor einigen Jahren aus Russland übergesiedelt ist, ist wieder da, ebenso die beiden jungen Leute, die schnell noch ihre Bierflaschen in den Mülleimer werfen. Und da kommt noch der Konfirmand, der die Kiste für sich und seinen Vater abholt.

Die Kiste: das sind Lebensmittel, die die Initiative Henkelmann in meiner Gemeinde in Augustdorf verteilt. Seit fast zwei Jahren setzen sich Kirchengemeinde und Rotes Kreuz dafür ein, dass Lebensmittel nicht mehr weggeschmissen, sondern verteilt werden – an Menschen, die sich nicht viel leisten können. Bei Harz IV bleibt eben nicht mehr viel übrig für Extras. Inzwischen werden 90 Bedarfsgemeinschaften mit Kisten versorgt  - das sind ca. 300 Menschen.

Jeden Montag stehen sie hier in der Schlange. Denn mit den Lebensmitteln aus der Kiste können sie wieder ein paar Tage überbrücken. Und wenn man Glück hat, dann gibt es für die Kinder auch eine kleine Süßigkeit oder man kann die ausrangierte aber noch funktionsfähige Kaffeemaschine mitnehmen.

Jeden Montag sehe ich sie – und bin immer wieder überrascht, wer alles den Weg zu unserer Initiative findet. Und jeden Montag denke ich: die Mühe hat sich gelohnt.

Aber  fast jede Woche höre ich auch die  reden, die anderen, die Leute im Dorf. „Viele von denen haben das doch gar nicht verdient.“ – „Hast du gesehen, die fahren mit noch mit dem  Auto vor, und dann wollen sie Lebensmittel abholen.“ – „Die sind doch nur zu faul zum Arbeiten und dann trinken sie auch noch.“

Das schmerzt; denn keiner von denen, die hierher kommen, tut das gern. Oft stehen dahinter tragische Lebensgeschichten, wie von Herrn S. Der hatte eine gute Arbeit als Maler und konnte seine Frau und die beiden Töchter davon ernähren. Dann kamen die Rückenschmerzen – eine OP nach der anderen. Die Kündigung flatterte ins Haus. Die Stimmung zu Hause wurde immer schlechter, die finanziellen und seelischen Belastungen immer größer. Schließlich zog seine Frau aus und nahm die Kinder mit. Wann der Alkohol zu einem Problem geworden war, daran kann sich Herr S. heute nicht mehr erinnern. „So schnell kann es gehen“, höre ich ihn sagen.

Inzwischen ist Herr S. trocken. Zu seiner Familie hat er nach der Scheidung leider keinen Kontakt mehr. Er ist immer noch Hartz IV-Empfänger, hat aber inzwischen einen Ein-Euro-Job. Auch er bekommt, wie die vielen anderen, jeden Montag seine Kiste. Aber er ist inzwischen auch einer der vielen, die ehrenamtlich bei der Initiative Henkelmann mitarbeiten.

Liebe Hörer und Hörerinnen, wenn ich die Geschichte von Herrn S. erzähle, dann weichen die Vorurteile meist einem betretenen Schweigen. Seine Geschichte steht für die Geschichten vieler Menschen, die sich durch ein Ereignis, das sie nicht beeinflussen konnten, am Rande der Existenz befinden. Herr S. hat nicht aufgegeben und kann nun wieder mit Hoffnung in die Zukunft blicken. Seine Geschichte zeigt, wie wichtig Einrichtungen wie unsere „Initiative Henkelmann“ oder ähnliche Aktionen sind. Hier finden Menschen ja nicht nur konkrete Hilfe in Form von Lebensmitteln, sondern auch ein offenes Ohr und Zeit für ein Gespräch. Herr S. hat wieder Mut gefunden und sein Leben in die Hand genommen. Er hat wieder eine Aufgabe – und das ist wichtig. Ich hoffe, seine Geschichte macht auch anderen Mut, sich nicht mit ihrer Situation abzufinden. Und ich hoffe, dass diejenigen, die allzu schnell den Stab über andere brechen, durch Geschichten wie die von Herrn S. eine neue Sichtweise bekommen.

Audiobeitrag Initiative "Henkelmann"


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