Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.01.10, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Beharrlichkeit

An einem 30. Januar muss man, und das mit Recht, auch heute noch dran erinnern: Dass es in diesem Land einmal möglich war, dass ein rassistischer Demagoge,

dessen Partei gerade eine Wahlschlappe hatte einstecken müssen, von einer Handvoll Reaktionäre und einem dementen Staatsoberhaupt über Hintertreppenintrigen zum Reichskanzler gemacht wurde. Dass er in den folgenden zwölf Jahren, getragen von einem begeisterten Volk, die ganze Welt in Unglück und Vernichtung stürzte. Dass er dieses Land in die größte Katastrophe seiner Geschichte führte.

Viel weniger bekannt ist, und das mit Unrecht, dass ebenfalls an einem 30. Januar einer der größten Friedensboten der Geschichte starb. Dass Mahatma Gandhi 1948 von einem fanatischen Hindu-Nationalisten ermordet wurde, signalisierte die inneren Konflikte, auf die das von englischer Kolonialherrschaft befreite Indien zuging. Es änderte aber nichts daran, dass sich diese Befreiung eben nicht der Gewaltphilosophie des 15 Jahre früher ernannten deutschen Kanzlers verdankte, sondern einer Strategie, die strikt auf Beharrlichkeit, Geduld und die Überzeugung baute, dass sich das Gute am Ende durchsetzt.

Dass dies nicht, wie man meinen könnte, weltfremd ist, beweist die Geschichte aller Zeiten. Noch nie und bis in das Afghanistan unserer Tage hinein ist es gelungen, mit Gewalt aus Unrecht Recht und aus Trümmern lebenswertes Leben zu machen. Wohl aber mit Beharrlichkeit. Das zeigt ausgerechnet wieder die Geschichte Deutschlands nach Hitlers Ende.

Der Dichter und Publizist Hans Magnus Enzensberger hat es so ausgedrückt: „Der deutsche Faschismus lässt sich als ein groß angelegter Versuch verstehen, reinen Tisch zu machen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs schien dieses Experiment gelungen: das ganze Land war eine tabula rasa. Dass die Rechnung Hitlers dennoch nicht aufgegangen ist, daran sind die Trümmerfrauen, Heimkehrer, Ami-Fräuleins, Kellerkinder, Schwatzhändler, Persilscheinbesitzer, Kohlenklaus, Bastler, Schrebergärtner und Häuslebauer schuld, eine schweigende Mehrheit, die darauf bestand, Deutschland wiederherzustellen.“

Der Text, dem dieses Zitat entnommen ist, heißt „Zur Verteidigung der Normalität“. Und im Interesse dieser Verteidigung sind die geschichtlichen Erinnerungen, von denen ich hier spreche, wichtig. Der Glaube an das Gute. Die Zuversicht, die auf einen gewaltlosen Ausgleich der Interessen setzt. Die Beharrlichkeit, die mit eigensinnig darauf baut, dass am Ende die Gerechtigkeit siegt – das ist weder naiv noch zum Lachen. Das ist auch nicht die Spezialität eines Jesus, eines Gandhi oder irgendwelcher Gutmenschen. Sondern es ist die Normalität. Es ist die Begabung der sogenannten Kleinen Leute. Es sind Fähigkeiten, die Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, und ich immer schon haben und nicht von irgendwelchen starken Männern, Vordenkern oder den Rechthabern vom Dienst erwarten müssen.

Glaube an das Gute. Gewaltlosigkeit. Beharrlichkeit. Das ist unsere Chance. Immer wieder. Und jeden Tag neu.

Audiobeitrag Beharrlichkeit


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