Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.01.10, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Gute Vorsätze

„Was sich 2010 ändern muss“, erfragte vor einem Monat Spiegel-Online von 30 mehr oder weniger Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

Rita Süssmuth, ehemalige Bundestagspräsidentin, hat sich zum Beispiel gewünscht, „dass Angela Merkel zu alter Form aufläuft, um die auseinanderstrebenden Kräfte wieder zu bündeln“. Frank Bsisrke, Chef der Gewerkschaft ver.di, stellt fest: „Wir brauchen Investitionen in Bildung, Klimaschutz und öffentliche Infrastruktur.“ Und der Schauspieler Mario Adorf fordert „Mut zu ehrlichen Antworten auf noch so heikle Fragen.“

Heute, mit einem Monat neuem Jahr im Rücken, dürfen wir feststellen, dass diese und alle anderen guten Wünsche für 2010 bereits jetzt gescheitert sind. Und, schlimmer noch, man hätte sie mit Fug und Recht auch schon an den Beginn des alten Jahres stellen können. Für das neue muss man sie nur deshalb annageln, weil sie bereits in den vergangenen zwölf Monaten nichts bewirkt haben als heiße Luft.

Das gilt natürlich nicht nur für die Platitüden, die von den Promis zu jedem Jahreswechsel in die Welt gesetzt werden. Auch mit meinen eigenen guten Vorsätzen ist es nicht viel besser bestellt. Dass ich mir zum Beispiel in der Silvesternacht geschworen habe, bewusster mit meiner Zeit umzugehen, mehr Sport zu treiben und weniger vor Bildschirmen zu hocken, ist mir heute, vier Wochen später, schon peinlich – weil’s natürlich, wie alle Jahre, wieder nicht klappt.

Woran liegt das eigentlich? Es ist ja nicht so, dass gute Wünsche und gute Vorsätze nur so daher geredet werden. In der Regel wird einem ja gerade bei Einschnitten, Neuanfängen und den so genannten Wegmarken des Lebens deutlich: Wo liegen Defizite? Was macht mich unzufrieden? Wo falle ich anderen lästig? Und kurzum: Was muss anders werden? Ich fürchte nur, dass wir uns bei solchen und anderen sehr berechtigten Fragen allzu oft von Eindrücken und Gedanken leiten lassen, die eher flüchtig sind. Eine momentane Erregung. Eine tagesaktuelle Erfahrung. Ein zufälliger Anstoß. Oder eben: der Jahreswechsel. Das macht unseren Willen zur Veränderung ziemlich kurzatmig.

Wer wirklich etwas an sich und an den Verhältnissen um sich herum verbessern will, muss gründlich in sich hineinhorchen und hineinsehen. Dazu braucht man Zeit und Geduld. Man braucht aber auch jenes Maß an Selbstkritik, das man im eigenen Selbst gar nicht immer so ohne weiteres findet. Im biblischen Buch der Sprüche heißt es deshalb: „Ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge, die macht beide der Herr.“

Die guten Vorsätze, mit denen sich zu vieles zum Besseren ändern soll, brauchen nämlich nicht nur Verstand und Herz und Hand, sondern auch den Glauben daran, dass mir die nötige Einsicht und Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wenn ich da nur auf meine persönlichen Fähigkeiten baue, komme ich erfahrungsgemäß nicht weit – sondern höchsten von Ende Dezember bis Ende Januar. Und dann wieder von vorn.

Audiobeitrag Gute Vorsätze


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