Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.01.10, Pfarrer Roland Hosselmann

"Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Impulse für 2010

Sprecher: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Autor: Friedrich Hölderlin hat das gesagt. Ein schöner Satz. Aber stimmt er auch?

Birgt er zugleich die Kraft in sich, die wir brauchen, um uns der Verantwortung  zu stellen? Der Verantwortung, unser Haben und Können, unser Tun und Lassen  in die Waagschale zu werfen, wenn es gilt, sich dem entgegen zu stemmen, was uns in unserem Menschsein bedroht, was uns brutalisiert oder auch einfach nur banalisiert und entleert.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich  bin Roland Hosselmann und habe als evangelischer Pfarrer in Lippstadt die schöne Aufgabe, die Perspektive des Glaubens sichtbar zu machen. Glaube verstanden als Versuch, gerade in unsicherer Zeit, Halt zu gewinnen, Haltung zu bewahren und auch so etwas wie einen Charakter auszuprägen.

Die Zeichen der Zeit stimmen skeptisch. Da ist eine Angst vor Abstieg und Verlust, vor Trennung und Untergang. Untergründig ist diese Angst natürlich immer auf dem Sprung. Aber nun tritt sie doch spürbarer an die Oberfläche. Der Sozialstaat scheint an seine Grenzen zu stoßen. Wie viele, die auf den Wartebänken der Sozial- und Arbeitsämter das Gefühl haben: Ich bin lediglich ein  Aktenvorgang. Bei Banken, die sich heillos verspekulieren, beginnt die Staatshilfe bei einer Milliarde Euro. Bei  einem Familienvater, der unverschuldet in die Insolvenz gerutscht ist, hört sie bei Tausend Euro auf.

Hartmut Böhme, Professor für Kulturtheorie an der Humboldt-Universität Berlin hat die Diagnose gestellt: In unseren Breitengraden laufe zwar immer noch alles auf verhältnismäßig hohem Niveau weiter. Es scheint aber „keine substantiellen Ziele“ mehr zu geben. Solange es irgendwie geht, beschränke man sich weitgehend darauf, „Krisen zu managen, Misserfolge zu vermeiden, Konflikte stillzustellen, Geld zu verdienen und sich irgendwie zu amüsieren.“

Keine substantiellen Ziele mehr. Damit bräche eine phantastische Fähigkeit des Menschen in sich zusammen. Die Fähigkeit, über sich selbst hinauszugehen und sein Leben in den Dienst einer Sache zu stellen, die größer ist als er selbst. „Wer nichts ist“, sagt Ernst Bloch, „trifft auch nichts mehr an.“ Und so ist es nur konsequent, wenn Hartmut Böhme diesen Zustand als einen „Zustand latenter Melancholie“ begreift, als Ausdruck eines „verborgenen Nihilismus“, Und zwar nicht etwa nur „der Hoffnungslosen, sondern auch der tatkräftigen Entscheider und glamourösen Eliten“. 

Besteht also noch Grund zur Hoffnung? Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Um dem auf die Spur zu kommen, hilft mir der Blick zurück.  Der Blick zurück in eine Zeit, in der Menschen aus einer beispiellosen Katastrophe heraus substantielle Ziele gefunden haben. Einer von ihnen ist Martin Niemöller.

Musikblende:

Autor: „Was für ein Leben!“ – in diesen Aufruf konzentriete Walter Jens den Eindruck, den die Biographie Martin Niemöllers auf ihn gemacht hat. Niemöller wird 1892 als Pfarrerssohn in Lippstadt geboren. Er schlägt die militärische Laufbahn ein und avanciert in der Kaiserlichen Marine zum U-Bootkomandant der UC 67. In seiner politischen Haltung ist er kaisertreu, deutschnational, rechtskonservativ. Nach dem ersten Weltkrieg studiert er Theologie. Wird 1932 Pfarrer an der traditionsreichen St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem und ist von Anfang an federführender Protagonist in der Bekennenden Kirche. Sieben Jahre verbringt er als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau. Während dieser Zeit steht er im Ausland zugleich für das „andere Deutschland“. Nach 1945 leitet er das Außenamt der EKD, wird Kirchenpräsident von Hessen-Nassau und erster Deutscher Präsident im Weltrat der Kirchen. Im Atomzeitalter wird der U-Boot-Kommandant von einst zum Idol der Friedensbewegung, als Pazifist, der keinem Streit aus dem Weg geht.

Was für ein Leben. Und auch: Was für ein Umbruch! Der Weg, den Niemöller nach 1945 einschlug, ist von einer Kehrtwende, von einer Umorientierung in seinem Denken bestimmt. Verantwortlich dafür ist eine Erfahrung, die er selbst die „Predigt des Galgens“ nannte. 

In seiner Zelle im Konzentrationslager Dachau war ein Fenster. Wenn er sich auf einen Stuhl stellte, um durch das Fenster zu schauen, fiel sein Blick auf den Galgen im Inneren des Hofes. An diesem Galgen wurden tagein, tagaus Menschen aufgehängt. Nach seiner Befreiung besucht Niemöller mit seiner Frau Else Dachau. Else bittet ihn, sich die Zelle einmal anschauen zu dürfen. Die zwei gehen an der Mauerwand entlang. Kommen an ein Tor, das normalerweise zu war, gehen hindurch und stehen vor dem Krematorium. An einem Baum hängt ein weißgestrichenes Kistenbrett, auf dem die Dachauer Häftlinge mit schwarzer Inschrift einen letzten Gruß hinterlassen haben:

O-Ton: Martin Niemöller, Track 3: „Hier wurden 1933- 1945 238 756 Menschen verbrannt.“

Autor: Was der Frau den Boden unter den Füßen entzieht, ist die Zahl der Opfer. Bei Niemöller sind es die Jahreszahlen. Schließlich war er vor dem 1. Juli 1937, dem Tag seiner Verhaftung, ein freier Mann.

O-Ton: Martin Niemöller, Track 3: Da stand „1933-1945“. Adam, wo bist du? Mensch, wo bist du gewesen? Ja, ich weiß, Mitte 1937 bis zum Ende hast du dein Alibi. Aber, du wird gefragt: „Wo warst du 1933 bis zum 1. Juli 1937?“ Und ich konnte dieser Frage nicht mehr ausweichen.

Niemöller erzählt, wie er dann nach Hause kam, die Bibel aufschlägt, und das Gleichnis vom Weltgericht mit neuen Augen liest. Jenes Gleichnis, wo Christus als Dreh- und Angelpunkt des Ganzen sagt:

Sprecher: Was ihr getan habe einem  meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.

Autor: Das Umgekehrte gilt natürlich auch. Und so urteilt Niemöller nun im Blick auf  jene Menschen, die er mit eigenen Augen am Galgen verrecken sah:

O-Ton: Martin Niemöller, Track 3: Dass diese Menschen, die ohne Gesetz, ohne Anklage, ohne Untersuchung, ohne Urteil, ohne vollstreckbares Urteil, einfach ihrem Beruf, ihrer Familie, ihrem Leben weggenommen, der Freiheit beraubt wurden, daß diese Menschen eine Frage Gottes an mich waren, auf die ich im Angesicht Gottes damals hätte antworten müsse, daran habe ich nicht gedacht.

Autor: Daran nicht gedacht zu haben, das ist die Schuld, die Niemöller nach 1945 vor Augen stand und eine Kurskorrektur erforderte.

Musikblende

Autor: Wo hat die Kirche Jesus Christus nicht deutlich genug gesehen? Wo hat sie ihn nicht entschieden genug gehört? An welcher Stelle hat sie das Treueverhältnis zu ihm aufgeweicht, womöglich sogar aufgekündigt und gebrochen?

Niemöllers Antwort: An der Stelle eines zwischenmenschlichen Versäumnisses. Nämlich im Übersehen und Linksliegenlassen von Mitmenschen, die unter die Räder von Unrecht und Gewalt geraten sind. Niemöllers entdeckt: Eine  intakte Spiritualität am Nächsten vorbei ist gar nicht möglich. Der Nächste, er ist die Schicksalsfrage, die Gott mir stellt, und auf die ich vor ihm zu antworten habe.

Das Ziel, vor das Niemöller die Kirche nun gestellt sah: die Entwicklung einer Friedensvision, die davon ausgeht: Jeder Mensch - unabhängig von seiner Rasse, seiner Partei- und auch Religionszugehörigkeit  - ist ein Kind Gottes. Es kommt darauf an, dem Freund-Feind-Schema entgegenzutreten und es zu überwinden. Weltweit, global! Trotz aller Schwierigkeiten und pessimistischen Prognosen.

Musikblende

Autor:
Ich bewundere an Martin Niemöller die Energie, mit der er sich dem gebrochenen und auch zerbrochenen Leben in Kirche und Welt zugewandt hat. Er hatte eine Gabe: Nämlich in dem menschlichen Leben, das in Frage gestellt, beschädigt und auch zerstört wird, eine Würde aufblitzen zu sehen, die „unantastbar“ ist. Sogar am Galgen nahm er eine Würde wahr, die dem Gehängten von Gott her zukommt und noch nicht einmal im Tod erlischt. Die Friedensarbeit Niemöllers gründet in der Erfahrung von etwas Unverbrüchlichem, Unzerbrechlichen angesichts und inmitten erschütternder Umstände und umwälzender Ereignisse. Das einzige Dogma, das Martin Niemöller Zeit seines Lebens für sich gelten ließ, war die erste These der Barmer Erklärung, die Jesus Christus als das eine Wort Gottes bezeugt. Die Losung aus dem Johannesevangelium, die nun wie eine Fahne über unserem Jahr 2010 wehen soll, sagt mit anderen Worten dasselbe: 

Sprecher: Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Autor: Jesus Christus ist die Menschenliebe Gottes in Person. An ihn glauben, heißt an den glauben, der das Ja Gottes zu allem ist, was er jemals verheißen hat. Aus diesem Glauben heraus, dass wir alle in Gottes Hand sind, schöpfte Martin Niemöller die Kraft, umzudenken, neue Wege einzuschlagen und sich große, substantielle Ziele zu setzen. Ziele, die ihre Substantialität dem Wissen verdanken, dass die Rede von der Würde des Menschen, Ihrer Würde, meiner Würde, keine Fata Morgana ist.

Sprecher: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.

Autor: Das können auch wir im Jahr 2010 erfahren. Wenn wir unser Vertrauen auf Jesus Christus setzen, und in unserem Nächsten das sehen, was auch wir sind: Menschen! Es verabschiedet sich von Ihnen Roland Hosselmann, evangelischer Pfarrer in Lippstadt.

Literatur:
Martin Niemöller, Reden 1945-1954, Darmstadt 1958
Martin Niemöller, Reden, Predigten, Gespräche. Reden aus drei Jahrzehnten, WDR, Deutschlandradio, CD 20.107
Hartmut Böhme, in: Zeit Literatur Nr. 12 – März 2009, 30-35
Autor, Wende zur kultischen Ontologie im Anliegen des Heils. Eine kontroverstheologische Erinnerung an Hans Asmussen (Studien zur systematischen Theologie und Ethik 40), Münster 2004

Audiobeitrag "Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Impulse für 2010


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