Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.01.10, Pfarrerin Antje Rösener (Choralandacht)

"So jemand spricht: Ich liebe Gott" (eg 412)

Autorin: Ich habe schon mehrmals in meinem Leben versucht, ein Gedicht über die Liebe zu schreiben. Es ist schwer, so richtig schwer. Wie soll man die Liebe in Worte fassen?

Wie soll man dieses höchste aller Gefühle so beschreiben, dass man nicht im Kitsch versumpft oder sich in Banalitäten verfängt? Ausgerechnet ein Philosophieprofessor, Christian Fürchtegott Gellert, schrieb vor fast 250 Jahren ein Gedicht über die Liebe. Johann Hermann Schein vertonte es zu einem Kirchenlied.

Choral (1. Strophe): So jemand spricht / Ich liebe Gott / und hasst doch seine Brüder / der treibt mit Gottes Wahrheit Spott / und reißt sie ganz dar nieder./ Gott ist die Lieb und will, dass ich / den Nächsten liebe gleich als mich.

Autorin: Der Choral ist ein Liebesgedicht und doch beginnt er mit einer Warnung: Macht Euch bei der Liebe nichts vor. Lasst Euch nicht blenden.

Sprecher: So jemand spricht: ich liebe Gott und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz dar nieder.

Autorin: Das gab es also auch schon im 18. Jahrhundert, dass mit dem großen Wort LIEBE Schindluder getrieben wurde. Mehr noch: Dass jemand sich der Liebe zu Gott brüstet und diese im Handumdrehen verrät. Die Liebe zu Gott ist mehr als ein eben mal so dahin geworfenes Wort. Diese Liebe ist handfest, sie zeigt sich in Taten, sie wird konkret – daran lässt der Dichter keinen Zweifel aufkommen. Die Liebe zu Gott gibt es nicht an den Menschen vorbei. Sie gibt es nur dann, wenn ich auch mich selbst liebe.

Sprecher: Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich.

Choral (2. Strophe): Wer dieser Erde Güter hat / und sieht die Brüder leiden / und macht die Hungrigen nicht satt / lässt Nackende nicht kleiden / der ist ein Feind der ersten Pflicht / und hat die Liebe Gottes nicht.

Sprecher: Wer dieser Erde Güter hat und sieht die Brüder leiden und macht die Hungrigen nicht satt lässt Nackende nicht kleiden der ist ein Feind der ersten Pflicht /nd hat die Liebe Gottes nicht.

Autorin: Christian Fürchtegott Gellert war schon zu seinen Lebzeiten ein berühmter Schriftsteller - bekannt und beliebt durch Lieder, Gedichte, Theaterstücke.
Seine Sammlung von Fabeln und Erzählungen wurde nach der Bibel zum beliebtesten Hausbuch des 18. Jahrhunderts. 1760 erbat sich der Preußenkönig Friedrich der Große höchstpersönlich ein Treffen mit dem schüchternen Professor. Und kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe besuchte als Student in Leipzig Vorlesungen von Gellert. Später schreibt Goethe in seinem Werk „Dichtung und Wahrheit“:

Sprecher: „Die Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten genoss, war außerordentlich.“ Nur leider: „Meine Prosa fand wenig Gnade vor seinen Augen!“ (Zitat aus: Martin Rößler, Liedermacher im Gesangbuch, Stuttgart 2001, S. 692.)

Autorin: Gellert war ein Kind der Aufklärung und zugleich ein frommer Christ. Er wollte den christlichen Glauben so vertreten, dass dieser vor der Vernunft bestehen konnte. Deshalb distanzierte Gellert sich zunehmend von dem pessimistischen Menschenbild, das die Kirche so lange gepredigt hatte. Wir Menschen sind nicht nur durchdrungen von Sünde und Schuld, denn Gott hat viel Gutes in uns hinein gepflanzt – das war sein Credo. Wir Menschen können handeln zum Wohle aller, das ist der Sinn unserer Existenz. Wir dürfen, ja, wir sollen uns dazu auch unseres Verstandes bedienen.

Choral (4. Strophe): Wir haben einen Gott und Herrn / sind eines Leibes Glieder / drum diene deinem Nächsten gern / denn wir sind alle Brüder./ Gott schuf die Welt nicht bloß für mich / mein Nächster ist sein Kind wie ich.

Sprecher: Wir haben einen Gott und Herrn sind eines Leibes Glieder drum diene deinem Nächsten gern denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich mein Nächster ist sein Kind wie ich.

Autorin: Gott traut uns zu, dass wir Geist und Gemüt aufhellen, Tugend und Harmonie auf der Welt fördern können - davon war Christian Fürchtegott Gellert überzeugt. Er glaubte daran, dass wir Menschen einander das Leben versüßen können – zum Beispiel durch Literatur, Musik und Gesang. Nicht zuletzt deshalb schrieb er auch 54 Kirchenlieder, die er selbst in zwei Gruppen einteilte: Da sind zum einen die Lehr-Oden, die sich an den Verstand richten und kurz und knapp Kenntnisse über die Religion und das rechte Leben vermitteln wollen. Daneben brauchen die Menschen aber auch die Feier-Oden, die die Sprache des Herzens sprechen.

Sprecher: „Diese Lieder für das Herz (…) müssen so beschaffen sein, dass sie uns alles, was erhaben und rührend in der Religion ist, fühlen lassen; das Heilige des Glaubens, das Göttliche der Liebe, (…), das Liebenswürdige der Dankbarkeit, das Edle des Gehorsams gegen Gott und unseren Erlöser.“
(Zitat aus: Martin Rößler, Liedermacher im Gesangbuch, Stuttgart 2001, S. 704.)

Kanon: „Lebt in der Liebe“

Autorin: Wenn Gellert von der Liebe spricht, dann darf ein Wort nicht fehlen. Das kleine Wörtchen UND. Gottesliebe und Menschenliebe. Nächstenliebe und Selbstliebe – allein darin liegt der Weg zum Heil. Er kritisiert all die Möchtegern-Frommen, die meinen, Gott lieben zu können, aber sich im Alltag geizig, eitel und niederträchtig gegenüber ihren Mitmenschen verhalten. Zugleich kritisiert er aber auch die vernunftorientierten Aufklärer, die die Menschen zur Liebe auffordern, ohne ihnen die Augen dafür zu öffnen, wie viel Gutes und Schönes uns Gott jeden Tag schenkt.

Choral (1. Strophe): Gott ist die Lieb und will, dass ich / den Nächsten liebe gleich als mich.

Autorin: In einer Strophe seines Liedes, die heute nicht mehr in unserem Gesangbuch steht, erinnert Christian Fürchtegott Gellert an die biblische Schöpfungsgeschichte und damit an den Anfang der Liebesgeschichte zwischen Gott und dem Menschen. Dort lesen wir, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf und ihm seinen Atem einhauchte, seinen Odem. Ein starkes Bild: Gott teilt seinen Atem, seine Lebenskraft mit uns Menschen. Wir sind ein Teil von ihm, von seiner Kraft.

Orgelmusik

Sprecher: Ermattet dieser Trieb in dir: So such ihn zu beleben. Sprich oft: Gott ist die Lieb, und mir hat er sein Bild gegeben. Denk oft: Gott, was ich bin, ist dein; sollt ich gleich dir nicht gütig sein.

Autorin: Was für eine Auszeichnung! Die Würde unseres Lebens liegt genau darin, ein Mit-liebender an der Seite Gottes zu werden. Wobei die Liebe hier mehr ist als ein dahin gehauchtes Wort, mehr als ein romantisches Gefühl. Sie meint eine Lebensweise, die von Achtung gegenüber Anderen geprägt ist, die von purem Eigennutz absieht, die handelt zum Wohle aller. Liebe ist damit schwierig zu leben in unserer Welt, in unserem Wirtschaftssystem, das oftmals genau diejenigen belohnt, die ohne Rücksicht auf Verluste nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Eine solche Liebe, die das Lebensrecht anderer genauso achtet und fördert wie das eigene, bleibt eine stetige Herausforderung: An mich als Person, aber auch an unseren Staat, unser Gemeinwesen. Wir brauchen Gesetze und Ordnungen, die das Wohl aller verfolgen und nicht nur einigen wenigen das Leben immer leichter machen. Wir alle haben die Fähigkeit, Mit-Liebende an der Seite Gottes zu sein. Darin liegt unsere Würde, darin liegt unsere Chance. So geben wir unserem Leben einen Sinn.

Choral (4. Strophe): Wir haben einen Gott und Herrn / sind eines Leibes Glieder / drum diene deinem Nächsten gern / denn wir sind alle Brüder./ Gott schuf die Welt nicht bloß für mich / mein Nächster ist sein Kind wie ich.

Audiobeitrag "So jemand spricht: Ich liebe Gott" (eg 412)


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