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Schweigen
Mich faszinieren die frühen christlichen Mönche, die als Einsiedler in der Wüste lebten. Eigenwillige Charaktere, manchmal von einer altertümlichen asketischen Strenge,
und dann wieder überraschend aktuell. Manchmal abstoßend in der Art ihrer asketischen Übungen und dann wiederum von einem erstaunlichen Einfühlungsvermögen. In einem waren sie kompromisslos: Sie suchten die Einsamkeit, die Stille. Die Wüste war für sie ein Zufluchtsort vor den Ablenkungen des weltlichen Lebens. Und die Wüste war ihr Lehrmeister. Uns erscheint die Wüste vielleicht als Einöde und Leere. Aber für die Einsiedler bedeutete sie die Fülle. Ein junger, noch unerfahrener Mönch kam in die Wüste zu einem alten Asketen und wollte ihm ein paar Fragen stellen. Der Alte reagierte scheinbar unwillig, aber lebenserfahren, und erwiderte: Geh! Setze dich einfach still in deine Einsiedlerzelle. Die wird dich alles lehren.
Was wirklich wichtig ist, erwächst aus dem Schweigen. Was uns innerlich und geistlich weiter bringt, kommt aus der Stille auf uns zu. Dazu bedarf es nicht der ständigen Informationen und Hinterfragungen.
Wir missverstehen das vielleicht als Weltflucht. Nichts hätte diesen Mönchen ferner gelegen. In der Einsamkeit stellten sie sich der Wirklichkeit und hielten sie aus. In der Stille kamen sie dem Wesentlichen nahe. Für sie war die Wüste ein Ort der Gottesbegegnung und ein Ort der Dämonen.
Ein Ort der Dämonen. Wer einmal versucht hat eine Zeitlang bewusst allein zu sein und zu schweigen, hat erfahren, was in dieser Zeit der Stille innerlich in ihm aufbricht. Längst überwunden geglaubte Erinnerungen und Traurigkeiten, Demütigungen und Zweifel steigen auf. Verdrängte Ereignisse und Empfindungen, die belasten und quälen. Viele halten das nicht aus und meiden das Alleinsein. Sie suchen die Zerstreuung, weil sie die Einsamkeit nicht ertragen können und den Ansturm ihrer inneren Dämonen.
Aber wer diesem Ansturm der Gedanken und Gefühle standhält, erfährt auch, wie sich das dunkle Gewölk ungelöster Probleme und belastender Erinnerungen wieder legt und wie die aufgewühlte Stimmung einer heiteren Gelassenheit weicht. Ja, wie sich der innere Horizont aufhellt und ein frisches mildes Licht unsere Gedanken umfängt und uns wieder froh macht und zur Ruhe kommen lässt. Die Wüstenväter sahen in diesem Licht einen Abglanz des unerschaffenen Lichtes, wie sie es nannten, einen Ausdruck der Gegenwart und Barmherzigkeit Gottes. Sie erlebten, wie die Unruhe und die Traurigkeit von ihnen abfielen und sich ein Gefühl tiefer Geborgenheit einstellte, und sie spürten, wie sie gehalten wurden. Manche dieser Mönche lebten so auch über längere Zeiträume in der Gewissheit einer engen Verbindung und Vertrautheit mit Gott.
Auch in unserer Zeit sind solche Erfahrungen möglich. Wir müssen dafür nicht in die Wüste gehen oder auf einem Berg in einer Höhle leben. Wir brauchen auch keine extremen Entbehrungen auf uns zu nehmen. Aber Wüste Berg Höhle: Das sind Orte und Symbole der Stille und des Schweigens. Wir sollten von Zeit zu Zeit allein sein, die Einsamkeit aushalten und schweigen. Das Schweigen wird uns zur Wüstenerfahrung. Im Schweigen versagen wir uns eine Zeitlang der Unruhe der Welt. Im Schweigen sammeln wir Kräfte für unsere Hinwendung zum Mitmenschen. Schweigen ist Weltflucht und Dienst an der Welt in einem. Wie es der alte Mönch ausdrückte: Die Einsiedlerzelle, das Schweigen, wird uns alles lehren. Aus der Stille werden uns ungeahnte Einsichten und Energien erwachsen.
Schweigen
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