Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.01.10, Dr. Rainer Neu

Johanna Sebus

Um diese Jahreszeit herum fahre ich gerne an den Rhein – nach Brienen, gleich unterhalb von Griethausen unweit der niederländischen Grenze.

Hier steht das Johanna Sebus-Denkmal und hier spielten sich vor über zweihundert Jahren bei einem Hochwasser mit Dammbruch dramatische Szenen ab. Johann Wolfgang von Goethe hat sie in unsterbliche Worte gefasst:

Sprecher: Der Damm zerreißt, das Feld erbraust,
Die Fluten spülen, die Fläche saust.
"Ich trage dich, Mutter, durch die Flut,
Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut." -
"Auch uns bedenke, bedrängt wie wir sind,
Die Hausgenossin, drei arme Kind!“
Autor: Als Johanna ihre Mutter gerettet weiß, zögert sie nicht zurückzukehren, um auch ihre Nachbarin mit den Kindern zu retten.
Sprecher: Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust,
Die Fluten wühlen, die Fläche saust.
Sie setzt die Mutter auf sichres Land,
Schön Suschen, gleich wieder zur Flut gewandt.
"Wohin? Wohin? die Breite schwoll;
Das Wasser ist hüben und drüben voll.
Verwegen ins Tiefe willst du hinein!" -
"Sie sollen und müssen gerettet sein!"

Autor:
Die Wasser stiegen inzwischen mit rasender Schnelligkeit und sie konnten nicht mehr den Rückweg zur geretteten Mutter nehmen. Sie erreichten noch eine kleine Anhöhe. Doch es dauerte nicht lange und diese Bodenerhöhung wurde von den Eisschollen weggerissen mit allen darauf stehenden Menschen.

Sprecher: Der Damm verschwand, ein Meer erbraust´s,
Den kleinen Hügel im Kreis umsaust´s.
Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund
Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund.

Autor: Mit ihnen versank Johanna Sebus in den Fluten. Über 200 Jahre sind seitdem vergangen, doch immer noch bewegt mich das Ereignis und ergreift mich die Ballade von Goethe. Es gäbe inzwischen Grund genug von anderen Überflutungen und Heldentaten zu erzählen. Doch in der Tat der Johanna Sebus und in dem Gedicht von Goethe liegt etwas, das es verdient hervorgehoben zu werden. Dem Dichter gelingt es diese Botschaft mit nur sechs Worten wiederzugeben: „Sie sollen und müssen gerettet sein!“  Das Vorbildhafte an dieser Tat ist, mit welcher Selbstverständlichkeit hier gehandelt wird. Johanna zweifelt keinen Augenblick daran, was zu tun ist und was sie tun wird. Menschen sind in Not und sie packt beherzt zu. Sie zaudert nicht und sie wägt nicht ab. Die Nachbarin ist ihr so wichtig wie die eigene Mutter. Sie trägt Sorge um die Nachbarskinder und denkt auch noch an die Ziege. Johanna selbst ist ein blutjunges Mädchen. Es heißt, sie sei 17 Jahre alt gewesen. Tatsächlich ist sie jedoch erst zwei Wochen vor dem Dammbruch 16 geworden. Sie ist noch sehr jung und arbeitet wahrscheinlich – wie ihre Mutter – als Dienstmagd. Dieses einfache Landmädchen sieht die Gefahr und versucht die Gefährdeten zu retten. Sie hilft ohne Zaudern. Sie wägt nicht ab, ob Hilfe in dieser Situation noch möglich und sinnvoll ist. Sie packt zu und hilft, wo sie gebraucht wird. „Sie sollen und müssen gerettet sein!“ – drückt Goethe diese Bereitschaft aus. Diese unbedingte Bereitschaft zur Hilfe. Dieses unbedingte Eintreten für Menschen in Gefahr. Dieses eindeutige Bekenntnis zur Solidarität mit Menschen in Not. Für mich eine vorbildliche christliche Haltung.

Audiobeitrag Johanna Sebus


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen