Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.01.10, Dr. Rainer Neu

Der Fisch

Man sieht ihn als Autoaufkleber, als Schmuck an einer Halskette oder als Motiv auf Einladungen zu christlichen Veranstaltungen: einen stilisierten Fisch,

manchmal mit der Aufschrift Ichthys. Das ist Griechisch und heißt: Fisch.

Das Fisch-Symbol, ein Zeichen aus ältester frühchristlicher Zeit, ist wieder populär geworden. Doch was haben sich Christen in Vergangenheit und Gegenwart dabei gedacht, wenn sie Fisch-Symbole in die Steinplatten ihrer Gräber, in Tauf- und Weihwasserbecken meißelten oder mit Farbe an die Wände ihrer Kirchen und Taufkapellen malten? Wenn sie sich selbst oder Jesus als einen Fisch darstellten?

Es wird gerne erzählt, dass der Fisch den Christen in den Verfolgungszeiten durch das Römische Reich als Geheim- und Erkennungszeichen diente. Eine Person zeichnete einen Bogen in den Sand, die andere vollendete das Symbol mit dem Gegenbogen und zeigte sich damit als Bruder oder Schwester in Christus. Dies ist sicherlich eine anrührende Erzählung und es könnte sich so zugetragen haben. Allein: Für diese Behauptung findet sich kein historischer Beleg und sie entspringt wohl doch der Fantasie eines Schriftstellers unserer Zeit.

Man muss etwas genauer hinschauen, um die Bedeutung des Fisches bei den ersten Christen zu verstehen. Sie verwenden ihn häufig als ein Bild für den Getauften. Wasser, besonders das ‚lebendige’, das fließende Wasser reinigt. Diese Vorstellung findet sich bei vielen Völkern. Doch das Lebenswasser reinigt nicht nur, es bewirkt eine Neugeburt des ‚alten’ Menschen. Die christliche Taufe galt als Bad der Wiedergeburt. Da in der frühen Kirche der Täufling ganz untergetaucht wurde, schien der Getaufte wie ein Fisch aus dem Wasser gezogen zu werden. Darum wurden seit frühchristlicher Zeit manche Taufbecken mit Fischen geschmückt.

Das Fisch-Symbol erinnerte auch an Jesus und seine Jünger. Schließlich berief Jesus vier Fischer vom See Genezareth zu Jüngern, je zwei Brüder – Simon-Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes –, um sie zu Menschenfischern zu machen. Und nach einem wunderbaren Fischzug, der Petrus mit Staunen und Furcht erfüllte, sagte er diesem: „Fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen“. Diese Symbolik des Fischfangs wurde von den Kirchenvätern auf die Taufe bezogen. Der Fischer war der Taufende und der Fisch der Täufling. Christus selbst war in der Sprache dieser Symbolik der größte Menschenfischer, aber er war zugleich auch der göttliche Fisch. Eine Grabinschrift aus dem 2. Jahrhundert spricht von dem „Fisch von der Quelle, überaus groß und rein, den gefangen (hat) eine reine Jungfrau“ – eine bildreiche Anspielung auf die Menschwerdung Christi. 

Um dieselbe Zeit spricht der Kirchenvater Tertullian von „unserem Fisch Jesus Christus“ und wir, sagt er, werden in seiner Nachfolge im Wasser geboren. Wir sind „Fischlein“.

Christus als Fisch ist ein Symbol des christlichen Lebens, das durch den Tod zur Auferstehung hindurchgegangen ist, das durch das Wasser der Taufe gereinigt und erneuert wurde und eine geistige Wiedergeburt erlebt hat. Darum liebte es die frühchristliche Kunst die Taufe Jesu darzustellen. Diese Bilder wollen sagen:  Das ist Jesus, der euch vorangegangen ist und euch den Weg zeigt. Er ist der „Fisch“, auf  Griechisch ICHTHYS - zusammengesetzt aus den griechischen Anfangsbuchstaben der Worte „Jesus Christus, Gottes Sohn, der Erlöser“.

 

Audiobeitrag Der Fisch


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