| |
Tun als ob
Papa, ich tu nur so, als ob wenn meine Tochter das ankündigt, kann ich mich auf echte Kunststücke gefasst machen. Dann spielen und toben wir im Kinderzimmer.
Mal ist sie Seiltänzerin, mal springt sie mit einem Fallschirm und fliegt durch die Luft. In Wirklichkeit bleibt sie dabei auf dem Teppich, ist ja klar. Doch was ist schon die Wirklichkeit? In ihren Augen sieht die Welt bestimmt ganz anders aus wenn sie tanzt oder fliegt.
In seinem Buch Die Wasserträger Gottes erzählt Manes Sperber, wie sich die Menschen in seinem Heimatort Zablotow in Galizien auf das Kommen des Messias einstellten. Der von Gott geschickte Retter, mit dem endlich alles anders wird, er wurde tatsächlich von vielen erwartet. In Sperbers Erinnerungen tauchen lustige Bilder aus seiner Kindheit auf. Die Kinder seines Ortes übten sich nämlich darin, so lange wie möglich auf den Händen zu stehen oder gar zu gehen. Sie hatten gelernt, so Sperber, dass der Messias, wenn er kommt, die Welt auf den Kopf stellt. Das würde den Ungeübten viele Schwierigkeiten bereiten. Deshalb trainierten sie sich, wie sie es nannten, in der messianischen Gymnastik.
Ich stelle mir diese Kinder vor, wie ihre Arme zittern, wenn sie versuchen, möglichst lange das Gleichgewicht zu halten, und wie ihre Füße in den Himmel ragen. Verkehrte Welt. Wer trägt hier eigentlich wen? Die Kinder erwarten etwas, das fröhlich macht und anders ist. Etwas, das die gewohnte Ordnung vertauscht. Sie tun etwas, das sie zu kleinen Experten macht für oben und unten, für alt und neu, für geht oder geht nicht. So erwarten sie, dass Gott kommt. Er stellt die Welt auf den Kopf. Eines Tages. Oder doch schon jetzt?
Jesus sagt: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Da könnte etwas dran sein: Wer öfter mal die Perspektive wechselt, findet es leichter als andere.
So tun als ob. Manche machen es einfach. Eine Hospizhelferin zum Beispiel besucht eine sehr alte Frau im Altenheim. Sie ist verwirrt, sie sagt immer nur die gleichen Sätze. Die sie besucht, bleibt dennoch bei ihr. Sie entdeckt, Berührungen tun der alten Dame gut. Dann wird sie ruhiger, und manchmal lächelt sie. Die beiden sind dann wirklich in Kontakt. Oft sagt sie dann etwas Neues, einen ganz klaren Satz oder zwei. Dann staunen die Schwestern und sagen: Das haben wir ja noch nie erlebt.
So tun als ob manchmal bringt das etwas in Bewegung. Eine Schule hier unterhält seit Jahren eine Partnerschaft mit einer kleinen Grundschule am Rande von Sao Paulo, Brasilien. Dort ist ein ganzes Gebäude abgebrannt und muss völlig neu errichtet werden. Wie sollen wir das schaffen, fragen viele. Doch Kinder und Eltern sind voller Ideen: Ein Sponsorenlauf, ein Benefizkonzert, ein Trödelmarkt. Am Ende reicht das Geld. Verkehrt Welt.
Die Perspektive wechseln, dranbleiben, das Leben anders sehen lass ich mich davon anstecken? Einen neuen Blick aufs Leben werfen. Einen, der oben und unten vertauscht, der möglich und unmöglich verkehrt. Einen Blick aufs Leben, der auch Gott Raum gibt, diese Welt zu verändern. Ich weiß nicht genau, ob es immer geht. Bestimmt kann man es üben. Einfach mal so tun als ob.
Tun als ob
|