Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.12.09, Pfarrerin Birgit Winterhoff

"Die Weihnachtskrippe - eine Figur fehlt"

Ambulanz in einem deutschen Krankenhaus am Abend des 2. Weihnachtstages. „Na, wie hast du das denn fertig gebracht?“, fragt der Arzt ein etwa 9-jähriges Mädchen,

das eine blutende Wunde an der Hand hat. Die Wunde wird gereinigt, genäht. Ein Routinefall. „Na, was denn nun?“ Das Mädchen schluchzt und sieht den Vater ängstlich an. „Ich wollte eine Krippenfigur schnitzen“, stößt das Mädchen hervor. „Eine Krippenfigur?“ fragt der Arzt. „Das ist ja toll. Aber besser, du wartest noch ein paar Jahre damit. Dann wirst du bestimmt eine große Künstlerin.“

Für den Arzt ist der Fall bald erledigt, nicht aber für den Vater. Er weiß plötzlich, was wirklich geschehen ist. Seit Generationen ist es in der Familie üblich, dass in jedem Jahr eine neue Figur zur Weihnachtskrippe kommt. Neben Maria und Josef mit dem Kind, neben die Hirten und die Weisen treten weitere Figuren. So finden sich die Kinder der Familie, dann die Erzieherinnen aus der Kindertagesstätte. Die Nachbarskinder, Onkel, Tanten, Paten. Die Lehrerinnen und Lehrer. Die ganze Familie ist gespannt, wer in diesem Jahr die inzwischen recht große Krippe neu bevölkern wird.

Als Figurenschnitzer ist der talentierte Vater tätig. Vor Weihnachten hatte er einen Zettel seines 12-jährigen Sohnes gefunden. Darauf stand: „Ich wünsche mir, dass du dich selbst schnitzt. Du könntest dein Notebook tragen, dazu dein Handy in der Hand halten. Dann weiß jeder, dass du es bist.“ „Was?“ denkt der Vater – Anfang 40, intelligent, modern, kritisch, „ich selbst als Krippenfigur? Könnte das nicht peinlich wirken, wenn Besuch kommt und sie ihn in der Reihe derer entdecken, die zur Krippe ziehen?“

Schließlich hatte er dann doch die Figur geschnitzt, sich selbst, mit Notebook und Handy. Am Heiligen Abend der Gang ins Weihnachtszimmer. Dort liegen die Geschenke. Dahinter die Krippe. Die Kinder suchen die neue Figur. „Das ist Papa“, jubelt das Mädchen. „Er steht aber so abseits“, bemerkt der Junge und will die Figur näher an Maria und Joseph und das Kind in der Krippe heranrücken. „Lass“, widersprach der Vater, „sie soll so stehen bleiben am Rande.“

Dann kommt Besuch. Der bemerkt durchaus die neue Krippenfigur. Der Onkel grinst, packt die Figur und stellt sie ganz vorn hin zwischen Hirten und Könige. „Nun stehst du unter den ganz Frommen“, sagt die Tante. Alle lachen. Am nächsten Morgen fehlt die Figur. „Sie hat nicht so richtig hineingepasst“, sagt der Vater. Ja und dann? Dann hatte die 9jährige Messer und Holz gefunden und sich ans Werk gemacht. Mit den beschriebenen Folgen. Für sie musste auch der Vater an der Krippe stehen, ob ihm das passte oder nicht. Die eigene Familie gehörte neben die Heilige Familie.

Sehe ich eine Weihnachtskrippe, muss ich immer wieder an diese Geschichte denken. Im Stall von Bethlehem ist Platz für uns alle. Und alle gehören dazu.

Audiobeitrag "Die Weihnachtskrippe - eine Figur fehlt"


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