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Junia
O wie süß! Wie heißt denn der Kleine?, fragt die Verkäuferin. Die Kleine, antworte ich. Sie ist ein Mädchen. Ich habe meine Tochter wieder einmal falsch angezogen.
Nicht eindeutig rosa. Ein halbes Jahr war ich in Elternzeit. Aber an den Zwang zur rosa Kleidung habe ich mich einfach nicht gewöhnt. Meine Frau übrigens auch nicht. Blaue Jeans, weißes Jäckchen, rotes Halstuch sowas muss doch auch ein Mädchen tragen dürfen. Zumal ihre tiefblauen Augen mit den langen Wimpern doch für sich sprechen!
Sie heißt übrigens Junia, nehme ich das Gespräch wieder auf. Julia, das ist aber ein schöner Name. Schon wieder muss ich verbessern: Junia, mit N, wie niedlich. Oh, sagt die Verkäuferin. Den Namen habe ich noch nie gehört. Klingt aber schön.
Ich könnte jetzt erzählen, dass Junia ein sehr alter Name ist. Im alten Rom gab es viele Junias. Und auch in der Bibel wird eine erwähnt im Brief von Paulus an die Gemeinde in Rom. Aber ich möchte mein Gegenüber nicht belehren und bezahle artig meine Bio-Möhren.
Eine wunderbare Erfahrung war das für mich, dieses halbe Jahr Elternzeit. So richtig kennen gelernt habe ich meine Tochter erst in dieser Zeit. Vor zwei Jahren wurde das Elterngeld eingeführt. Mit einer Belohnung für Väter, die auch eine Zeitlang im Beruf kürzer treten und sich stattdessen um ihr Kind kümmern. In meinem persönlichen Jahresrückblick sind diese Monate der Höhepunkt.
Und sonst, was war sonst wichtig im Jahr 2009? Die Kanzlerin wurde wiedergewählt. Und die Evangelische Kirche in Deutschland hat jetzt eine weibliche Ratsvorsitzende und eine Frau als Präses. Die russisch-orthodoxe Kirche hat deshalb den Dialog mit den deutschen Protestanten abgebrochen.
Keine dieser Frauen muss rosa tragen, um als Frau erkannt zu werden. Ganz schön weiblich ist unser Land geworden bis in die höchsten Ämter hinein. Und die Väter übernehmen jetzt die Erziehung.
Mich hat überrascht, wie selbstverständlich der Wechsel geschehen ist. Sechs Jahre lang war Bischof Wolfgang Huber Ratsvorsitzender gewesen. Mit viel Energie und Beredsamkeit hat er sein Amt geführt. Viele Veränderungen hat er angestoßen. Als die Wahl seiner Nachfolgerin anstand, war die Sache schnell klar. Margot Käßmann, redegewandt, schlagfertig, profiliert und volksnah das ist die richtige Person für das Amt. Ihr Geschlecht war dabei fast gleichgültig. Es zählten ihre Stärken.
Die Junia, von der Paulus schreibt, war übrigens auch eine Prominente in der damaligen Kirche. Er bestellt Grüße an Junia, die berühmt sei unter den Aposteln und schon vor ihm Christin war. Eine Frau als Apostel, in den ersten Jahrzehnten des Christentums? Warum weiß man so wenig von ihr?
In späteren Zeiten passte sie nicht mehr ins Bild. Die Leitung der Kirche war in der Hand von Männern. Aus der Junia im Römerbrief wurde ein Junias gemacht. Und so wurde es viele Jahrhunderte lang überliefert: der Apostel Junias, der schon vor Paulus ein Christ war.
Erst in unserer Zeit hat man gemerkt, dass es den Männernamen Junias gar nicht gegeben hat. Dass Junia eine berühmte Christin war. Eine Frau in einem Amt, das man lange nur Männern zugetraut hat. Wenn die evangelische Kirche heute von Frauen geleitet wird, dann geht sie zurück zu den Wurzeln. Und das war auch immer schon gut evangelisch.
Junia
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