Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.12.09, Pfarrer Klaus-Jürgen Diehl

Eine ökumenische Annäherung

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,erfreulicherweise sind in den zurück liegenden Jahrzehnten evangelische und katholische Christen in unserm Land näher zusammen

gerückt. Vorurteile und Vorbehalte, die Jahrhunderte lang auf beiden Seiten gepflegt wurden, konnten überwunden werden. Viele Gemeinsamkeiten im Glauben wurden entdeckt. Trotzdem existiert nach wie vor auch Trennendes zwischen den beiden großen Konfessionen. Dazu gehört bis heute die Marienverehrung. In der katholischen Kirche genießt Maria als Mutter Gottes eine herausragende Stellung. Sie gilt als „unbefleckt“, d.h. frei von der Erbsünde und wurde von Gott leibhaftig in den Himmel aufgenommen. So lehrt es jedenfalls eines der letzten großen Dogmen der katholischen Kirche aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Für mich als evangelischen Christen ist das alles eher befremdlich. In unserer Kirche haben wir uns jede Form der Marienverehrung versagt. Abgesehen von der Weihnachtsgeschichte kommt Maria nicht sehr häufig in der evangelischen Kirche vor. Mir scheint darin eine Verarmung evangelischen Glaubens zu liegen. Es wäre an der Zeit, Maria als Auserwählte Gottes und Mutter Jesu wiederzuentdecken und ihr einen Platz in unserm Glauben einzuräumen.

Dazu kann die Auslegung Martin Luthers des Magnifikat, also des Lobgesangs der Maria aus der Weihnachtsgeschichte, sicher einen Beitrag leisten. Luther hat diese kleine Abhandlung im Jahr 1520 geschrieben. Kurz nach ihrer Abfassung soll sie Papst Leo X. gelesen haben, allerdings ohne den Verfasser zu kennen. Dieser Papst hatte wenige Monate vorher über Luther den Kirchenbann verhängt. Nach der Lektüre der Auslegung des Magnifikat soll Leo X. ausgerufen haben: „Selig sind die Hände, die das geschrieben!“

Nun, zu einer Aufhebung des Kirchenbanns über Luther hat diese Bemerkung des Papstes bis heute nicht geführt. Aber immerhin dazu, dass im Jahr 1964 als erste Schrift Martin Luthers seine Auslegung des Magnifikat mit kirchlicher Druckerlaubnis in einem katholischen Verlag erschien. Das war damals – zur Zeit des II. Vatikanischen Konzils – ein bemerkenswerter Schritt in der ökumenischen Annäherung von Katholiken und Protestanten.

Für Luther kann Maria gar nicht genug gelobt werden, wobei ihre größte Auszeichnung darin besteht, dass Gott sie dazu ausersehen hat, seinen Sohn Jesus zur Welt zu bringen. Dazu Originalton Luther: „Niemand ist Maria gleich, weil sie mit dem himmlischen Vater ein solches Kind hat…In einem Wort hat man darum alle ihre Ehre zusammengefasst, wenn man sie nämlich Gottes Mutter nennt; es kann niemand Größeres von ihr noch zu ihr sagen“… Luthers Marienverehrung ging allerdings nicht so weit, sie im Gebet anzurufen und ihre Fürbitte als Mutter Gottes in Anspruch zu nehmen. Auch erteilte er der katholischen Lehre eine Absage, wonach Maria einen Verdienst an der Erlösung der Menschen habe.

Liebe Hörerinnen und Hörer, Maria, diese unscheinbare Frau aus einfachen Verhältnissen, steht mit ihrem Leben bis heute dafür, dass Gott nicht auf menschliche Vorzüge angewiesen ist, um eine verlorene Welt zu retten und auf seine Seite zu ziehen. Er hat diese Welt nicht im Alleingang erlöst, sondern bedient sich dazu einer schlichten, jungen Frau. Von Maria geboren wird Gott ein Mensch wie wir, um uns so ganz nahe zu sein und unser Schicksal zu teilen.

Nein, Maria erwartet nicht, dass wir zu ihr kommen – auch nicht im Gebet. Aber sie wäre wohl glücklich, wenn wir durch sie zu Gott als unserm himmlischen Vater zurück fänden.

Audiobeitrag Eine ökumenische Annäherung


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