| |
Der Spielzeugengel
Jetzt mal ehrlich, schimpfen sie nicht auch hinundwieder. Über den vielen Plastikscheiß, den unsere Kinder anschleppen. Wenn ich nur schon an diese Überraschungseier denke...
mit diesen kleinen, häßlichen Figuren, die es bei der erst besten Gelegenheit zu entsorgen gilt. Und zwar als Sondermüll. Im Sommer sind es dann die Eisbecher die nerven, mit den Walt Disney Figuren aus Madasgasker III; im Advent die Kalender mit star wars Figuren oder Playmobil und zu Weihnachten: o-k, da gibt es dann Spielzeug, mit dem man wenigstens spielen kann. Nur das Problem bleibt: Es ist verdammt viel Plastik, das rumfliegt. Und es ist definitiv viel zu viel.
Liu Yanfang sieht das ganz anders. Sie verdankt ihr Leben dem Plastikscheiß. Ihr Leben besteht aus Plastik von morgens bis abends und manchmal bis tief in die Nacht steht sie am Fließband und klebt sie zusammen, die kleinen Plastikteile, die ihre Kollegin ihr aufs Band legt. Liu Yanfang ist 19 Jahre alt, sie hat einen Pferdeschwanz und ein graues Arbeiterjacket mit der Nummer 1837. Bis vor kurzem baute sie SpielBauernhöfe zusammen. Natürlich aus Plastik. Die wurden später verpackt. Von einer Kollegin, in Kartons mit Weihnachtsmännern. Was diese Weihnachtsmänner bedeuten, weiß Liu Yanfang nicht. Und auch nichts von ihrem Leben als Weihnachtsengel in Zeiten der Globalisierung. Spielzeug zusammenzubauen, das war ein Job, den früher die Engel im Paradies machten heute tun es die Wanderarbeiter in China. Es sind 200 Millionen. Jedes Land hat andere Sitten, sagt Liu Yanfang. Die Geschichte vom Christkind kenne ich nicht. Nur manchmal fragt sie sich, wer mit dem Spielzeug spielen wird. Ausländische Kinder , vermutet sie, die sind viel reicher als chinesische Kinder. Sie selbst hatte kaum Spielzeug. Mit 14 Jahren musste sie die Schule abbrechen Schulgeld für zwei Kinder aufzubringen - für sie und ihren jüngeren Bruder das war für die Eltern zuviel. Sie sind arme Bauern. Also ging Liu Yanfang in die Provinzhauptsadt , um dort als Kindermädchen zu arbeiten und später in die Fabrik nach Shenzhen, nahe Hongkong.
Dort wird sie nun ausgebeutet. Sie verdient 45 cent die Stunde. Bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 48 Stunden sind das umgerechnet 85 Euro. Mit Überstunden und Samstagsarbeit kommen dann noch einmal 30 Euro hinzu. Sie gehört somit zum Lumpenproletariat der Globalisierung sowie die anderen 200 Millionen Wanderarbeiter in China. Auch sie haben keine Arbeitsverträge, folglich auch keinen Kündigungsschutz und keine Sozialversicherungen. Das ist sogar in China gesetzeswidrig. Doch davon will Liu Yanfang nichts wissen. Ich werde nicht ausgebeutet, sagt sie. Und erzählt voller Stolz, dass sie alle zwei Monate bis zu 200 Euro nach Hause schicken kann. Im letzten Sommer habe sie ihre Familie besucht. Die habe sie schon verheiraten wollen, weil sie bereits ausreichend Geld verdient habe. Doch Liu Yanfang hat abgelehnt. Sie wolle wieder zurück nach Shenzhen. Dort warte der nächste große Auftrag auf sie, Spielzeug als Beigabe für Cornflakes. Und wen sie heirate, wolle sie selber entscheiden. Dem Plastikscheiß sei Dank. Auch zu Weihnachten.
Der Spielzeugengel
|