Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.12.09, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Jahresrückblicke

Adventszeit, Weihnachtszeit – das ist schon traditionell immer auch die Zeit der Fernseh-Jahresrückblicke.

Und wenn dieser Tage die Kerners und Jauchs den üblichen Cocktail aus Event, Glamour und Katastrophe zusammenrühren, dann wissen wir schon, was kommt: Das Superwahljahr mit vier Landtags-, einer Europa- und einer Bundestagswahl, die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin, Krise, Quelle, Opel, Guttenberg-Superstar und mittendrin das neue Baby von Heidi Klum und die soundsovielte Hochzeit von Boris Becker.

Mich lassen sie meist kalt, die schlauen Kommentare zum zurück liegenden Jahr. Nur hin und wieder denke ich: Ach ja, das war ja auch noch… Und schon geht´s weiter im Programm. Zu viel – Entschuldigung – Vorgeplänkel.

Was mich viel mehr bewegt, ist der Jahresrückblick meiner Friseurin: Ihr Lebensgefährte ist erst 24 Jahre alt und schon seit Januar arbeitslos, vermutlich wird er pünktlich zum neuen Jahr in Hartz IV abrutschen. Schön finde ich, wie viele Leute sich bemühen, da irgendwie zu helfen, obwohl keiner so richtig weiß, was man denn machen könnte. Was mich berührt, ist auch der Jahresrückblick meiner Kollegin, die nach der Knie-OP rechts im Winter und der Knie-OP links im Frühjahr allmählich wieder laufen kann und wo alles wieder gut werden könnte, wenn da nicht der Arzt neulich was von künstlichen Gelenken gemurmelt hätte  – aber vielleicht wird’s ja erst damit wirklich wieder gut. Interessiert höre ich mir den Jahresrückblick meines besten Freundes an: Er hat in seinem Unternehmen noch nie so erfolgreich gearbeitet wie in diesem Jahr, und bloß die schmerzhaften Beschwerden im Unterbauch erinnern daran, dass das nicht ewig so weiter geht. Ich sage ihm: Kürzer zu treten kann auch positiv heißen: Neues in den Blick nehmen, andere Schwerpunkte, Prioritäten setzen. Mein Jahresrückblick lautet, dass nun beide Jungs aus dem Haus sind, dass ich davor durchaus Angst hatte, aber nun erleichtert bin, für dies und das nicht mehr zuständig zu sein.

Diese und viele vergleichbare andere Rückblicke sind die wirklich wichtigen. Sie erinnern mich daran, was mich wirklich bewegt, wirklich gefreut und wirklich enttäuscht hat. Wo ich mich auf andere verlassen konnte und andere auf mich. Wo ich andere einfach überfordert habe und mich selbst auch. Wo am Schicksal des einen plötzlich ein anderer Anteil genommen hat, mit dem am allerwenigsten zu rechnen war. „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder“, sagt Jesus im Matthäusevangelium, „das habt ihr mir getan“. Dieser Satz ist so was wie die Definition der Nächstenliebe. An ihr entscheidet sich, wie der Alltag zwischen Mensch und Mensch funktioniert. Und ich glaube, dass es wichtig ist, immer mal wieder darauf zurückzublicken: wo und warum ist dieser Alltag gelungen und misslungen? Daraus kann etwas wachsen: Gelassene Zuversicht für das, was kommt. Und damit kann ich in Frieden Weihnachten feiern.

Audiobeitrag Jahresrückblicke


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